Podcast-Transkript

Mobbing ist Chefsache – Wenn Führung total versagt

In diesem Beitrag geht es um Mobbing am Arbeitsplatz. Also um die psychische und letztlich physische Zerstörung von Menschen am Arbeitsplatz. Und es geht darum klar zu stellen: Mobbing liegt in der Verantwortung von Führungskräften. Deshalb gilt:  Mobbing ist Chefsache. Wenn in einem Unternehmen jemand gemobbt wird, ist das Chef-Versagen. Auch, wenn der Chef gar nicht aktiv beteiligt ist. Oder vielmehr: genau deshalb.

Mobbing ist mit spannenden Fragen verbunden: Welche besondere Dynamik prägt das Wechselspiel zwischen dem Mobber und den Betroffenen? Warum wehren sich die Betroffenen in diesem Konflikt nur selten gegen die Angriffe der Mobber? Welche Form von psychischer Gewalt ist typisch für Situationen, in denen Menschen gemobbt werden? Tatsächlicher aber ist die wichtigste Frage auch beim Mobbing folgende: Wer ist verantwortlich  für Mobbing?

Den Beitrag "Mobbing ist Chefsache" lieber als Podcast hören? Bitteschön.

Zum Mobbing gehören drei

In diesem Beitrag geht es nicht so sehr um den Mobber und die Betroffenen, die Mobbingopfer am Arbeitsplatz. Vielmehr zeige ich, dass Mobbing grundsätzlich ein Versagen auf der Führungsebene die Ursache ist. Und das  unabhängig von der Situation, in der Menschen Angriffe in Form von vornehmlich psychischer Gewalt erleiden. Mobbing ist Chefsache. Zum Mobbing gehören auf den ersten Blick immer zwei: einer, der mobbt und einer, der sich mobben lässt, ohne sich zu wehren. Tatsächlich gehören zu dieser Form des Konflikts aber drei Parteien: Täter, Oper und Vorgesetzte. Mobbing ist Chefsache.

Mobbing - eine Definition

Was genau ist Mobbing? Eine Definition lautet: Mobbing ist das systematische Zerstören eines Kollegen oder Mitarbeiters. An Mobbing können Vorgesetzte ebenso beteiligt sein wie Kollegen. In aller Regel beginnt Mobbing damit, die Leistungen des betreffenden Mitarbeiters klein zu reden. Das können laut geäußerte Zweifel oder auch klare Beschuldigungen sein. Lästern gehört ebenso zum typischen Verhalten des Mobbers wie Nichtbeachtung und das Verweigern von Möglichkeiten, die dem Mobbingopfer zustehen. Im nächsten Schritt wird der Betroffene durch ständiges Untergraben seiner Glaubwürdigkeit von seinen Kollegen am Arbeitsplatz isoliert.

Schikanen und Bloßstellung

Mobbing (im Englischen „bullying“) ist ein Begriff, der beschreibt, wie Menschen andere Menschen systematisch psychischer Gewalt aussetzen. Manchmal geht es dabei um Schikanen, Bloßstellung und Herabwürdigung. Es gibt aber auch körperliche Formen des Mobbings. Für Betroffene steht am Ende ihres Leidensweges im Unternehmen oft die Kündigung oder der Krankenstand.

Leitlinien und Realität

Eigentlich dürfte es Mobbing gar nicht geben. Das systematische Zerstören von Menschen und ihrer Leistungskraft widerspricht unzähligen Leitlinien und Sinnsprüchen, mit denen sich  Unternehmen heute schmücken. „Der Mensch steht im Mittelpunkt“, heißt es etwa. Das klingt humanistisch-gebildet. Für Mobbing sollte da kein Raum sein. Tatsächlich aber ist die Realität im Arbeitsalltag oft eine andere. „Das Arbeitsleben ist auch geprägt von Angst, Neid und Misstrauen“, schreibt der Psychologe und Management-Berater Louis Lewitan in seinem Artikel „Emotionale Analphabeten“ in der „Zeit“ vom 16. Mai 2019. Aber nur selten spiegelt das Verhalten von Vorgesetzten und Mitarbeitern wider, was in den Leitlinien steht. Vom Mobbing Betroffene leiden darunter. Auch deshalb gilt: Mobbing ist Chefsache.

Mobbing Beispiel Nummer 1

Mobbing ist Chefsache. Great Growing Up schafft Abhilfe.
Mobbing-Opfer fühlen sich psychisch gehetzt. Foto: Fotolia/www_slon_pics

Sabine ist Mitarbeiterin in einem großen Chemie-Unternehmen. Sie ist sehr gewissenhaft bei ihrer Arbeit, Fehler unterlaufen ihr nur selten. Allerdings ist sie auch sehr direkt: Die 50-Jährige sagt, was sie denkt und spricht an, was ihr nicht passt. Stefan, ihr direkter Vorgesetzter mag das nicht. Er mag keine Kritik, weder von oben noch von untergeordneten Mitarbeitern. Und Konflikte mag er auch nicht. Aber Herr Mertens mag Sabine. Der Geschäftsführer hat sie ermutigt, ihren Meister zu machen. Sabine legt sich ins Zeug, merkt aber schon bald, dass sie  mehr Zeit braucht. Sie fragt Stefan nach Möglichkeiten, aber der lässt sie abblitzen. Auch das gehört zum Mobbing.

Sabine ist sauer. Zwei Wochen später spricht Herr Mertens sie an und fragt, wie es ihr geht. Sabine kann nicht lügen und spricht offen über ihre Situation. Herr Mertens sieht kein Problem: „Nehmen Sie doch einfach drei zusätzliche Wochen Urlaub", rät er ihr. Sabine sagt das Ihrem Vorgesetzten Stefan. Der gibt ihr zähneknirschend frei. Wenn er Herrn Mertens begegnet, grüßt er ihn jetzt noch freundlicher als bisher. Das Thema Mobbing ist Chefsache.

Mobbing Beispiel Nummer 2

Paul arbeitet seit knapp 30 Jahren in einem Logistikunternehmen. Bislang hat ihm das immer Spaß gemacht. Seit ein paar Wochen allerdings  spricht sein Teamleiter kaum noch mit ihm. Er wirkt abweisend und schlecht gelaunt. Paul hat keine Idee, was der Grund sein könnte. Bis ihn eines Tages der Abteilungsleiter anspricht. Der fragt, was denn mit ihm los sei. Paul hat das Mobbing nicht bemerkt und fällt aus allen Wolken. Er erfährt, dass seine angeblich mangelnde Leistungsbereitschaft längst Thema in der Führungsrunde ist. Paul entgegnet: Sein Chef und dessen Chef müssten doch wissen: Er war wegen krankheitsbedingter Ausfälle im Betrieb viel als Springer unterwegs. Gerade er hat den Laden am Laufen gehalten.

Paul fühlt Angst. Er mag seinen Job und fürchtet ihn zu verlieren. Aber Paul ist auch sauer. Denn wochenlang hat ihn niemand darauf angesprochen. Paul nutzt seinen Ärger und geht zum Geschäftsführer. Er überspringt ein paar Stufen in der Hierarchie und macht reinen Tisch. Sein Chef hört ihm zu und bestellt die untergeordneten Führungspersonen zum Gespräch ein. Dort stellt er klar, dass er auf Mitarbeiter wie Paul zählt. Das Thema Mobbing ist Chefsache.

Entwicklung und Tendenzen

Überlastung führt zum Kollaps. Great Growing Up trainiert Führungskräfte.
Ständige Überlastung führt zum Kollaps. Foto: Fotolia/Alexas_Fotos

Die Arbeitswelt ist rasantem Wandel unterworfen. Prozesse und Abläufe werden immer weiter digitalisiert, automatisiert, standardisiert. Es klingt schön, wenn vereinzelte Großunternehmer das zum Anlass nehmen, den Menschen als unverzichtbar darzustellen. Denn bei allem, was künstliche Intelligenz zu leisten vermag, habe der Mensch doch wichtige Alleinstellungsmerkmale: Kreativität und Emotionalität etwa. Empathie, die Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten. Spontaneität, Konfliktfähigkeit, Verantwortlichkeit. Eben alles, was Menschen und ihre Dynamik im Umgang miteinander  ausmacht.

Emotionale Analphabeten steigen auf

Vom Mainstream scheinen die Vorgesetzte in beiden Mobbing Beispielen damit aber weit entfernt. Denn obwohl im digitalen Zeitalter alles, was Menschen ausmacht, unverzichtbar erscheint, verläuft die Entwicklung in vielen Betrieben genau umgekehrt. „Je mehr die Arbeitsprozesse digitalisiert, standardisiert, automatisiert werden, umso häufiger steigen emotionale Analphabeten ohne Führungsqualitäten in die Führung auf,“ schreibt Louis Lewitan in der „Zeit“. Menschen also, die führen sollen, denen aber alles fehlt, um es zu können.

Fachwissen allein reicht nicht

Mitarbeiter zu befördern, die über viel Fachwissen verfügen, ist prinzipiell nicht falsch. Ich verstehe nur nicht, wie Fachwissen fehlende Führungsqualitäten ersetzen soll. Kann es auch nicht. Die Folgen sind fatal. Auf diese Weise bekommen Menschen Führungsverantwortung, die vor allem an sich selbst und ihre Karriere denken. Sabines direkter Vorgesetzter etwa, der nach unten tritt und nach oben buckelt. Oder Pauls Teamleiter, der nicht auf die Idee kommt, seinen Mitarbeiter direkt anzusprechen. Weil er Angst vor einem möglichen Konflikt hat. Mobbing ist Chefsache.

Ernüchternde Bilanz

Als ich neulich einen Post zum Thema emotionale Analphabeten auf Facebook veröffentlichte, reagierte ein Leser mit folgendem Kommentar:

„Subjektiv betrachtet werden Führungskräfte in meinem Bereich von Generation zu Generation immer unfähiger, was den Umgang mit Menschen betrifft. Empathie Fehlanzeige. Absicherung eigener Pfründe, herablassende Haltung gegenüber dem Mitarbeiter selbst und der Arbeit sowieso. Fehlendes Vertrauen in die Ehrlichkeit und die Fähigkeiten der Mitarbeiter. Gezielte Demotivation durch Hinhalterei und Angstmacherei.“

Mobbing ist Geldverschwendung

Mobbing. Opfer fühlen sich wie im Räderwerk. Great Growing Up hilft.
Wer gemobbt wird, fühlt sich wie im Räderwerk. Foto: Fotolia/MustangJoe

Auch das spricht nicht dafür, dass Unternehmen menschliche Alleinstellungsmerkmale in Zeiten digitaler Optimierung besonders zu schätzen wissen. Schade, denn so werden Menschen zugrunde gerichtet und zudem unglaublich viel Geld verschwendet. Mir ist nicht klar, warum gewinnorientierte Unternehmen Mobbing und damit Zerstörung und Verschwendung dulden.

Mobbing-Dynamik

Tatsächlich fällt mir nur eine Erklärung ein: Totales Versagen auf der Führungsebene. Mobbing ist Chefsache. Um das sehen zu können, braucht es einen Blick auf die spezielle Dynamik zwischen Mobbing-Täter und Mobbing-Opfer. Die beschreibt Louis Lewitan sehr anschaulich in seinem Artikel.

Das Machtgefälle

Zwischen Mobbing-Täter und Mobbing-Opfer besteht ein Machtgefälle. Dieses Machtgefälle kann hierarchisch begründet sein. Es können aber auch Aspekte wie Angst, Hilflosigkeit und die Unfähigkeit sich abzugrenzen eine wichtige Rolle dabei spielen. Je unterwürfiger das Opfer, desto mehr fühlt sich der Täter bestärkt, sein Opfer zu mobben.

Verkehrte Welt

Der Mobbing Täter versteht sich selbst als Opfer. In seiner Wahrnehmung hat er angesichts der Fehlleistung des Opfers überhaupt keine andere Wahl als zu tun, was er tut. Der Täter ist folglich immun gegen Kritik und legitimiert seine Taten selbst. Er sieht sein Verhalten nicht als Mobbing.

Fehlende Kollegialität

Der Täter arbeitet daran, das Opfer sozial zu isolieren und im Kreis seiner Kollegen zu diskreditieren. Wenn ihm das gelingt, ist keiner der Kollegen mehr bereit, sich mit dem Opfer zu solidarisieren. Auf diese Weise beginnt der Täter, sein Opfer seelisch zu zerstören. Nach und nach übernehmen Kollegen nicht nur die Duldung, sondern beteiligen sich auch aktiv am Zugrunderichten des Opfers. Also am direkten Mobbing. Das Wegsehen, Schweigen und Mitwissen der Kollegen versteht der Täter zudem als Legitimation seiner Handlungen. So entsteht ein Mobbing Teufelskreis.

Psychisch gehetzt

Das Opfer erlebt die Duldung des Mobbings und die fehlende Solidarität bewusst. Es fühlt sich psychisch gehetzt. Wie ein Fuchs bei einer Treibjagd. Das geht so lange, bis das Opfer krankheitsbedingt aus dem Arbeitsprozess ausscheidet.

Wo Führung versagt

Mobbing ist Chefsache. Great Growing Up trainiert Führungskräfte, darin Mobbing zu verhindern.
Wer führen kann, wird Mobbing verhindern. Foto: Fotolia/Gerd Altmann

Aber warum ist es das Versagen des Chefs, wenn ein Mitarbeiter den anderen mobbt? Ganz einfach: Wer sollte sonst dafür verantwortlich sein, welche Kultur in der Abteilung beziehungsweise im Unternehmen gelebt wird?  Und wer, wenn nicht der Chef, lebt vor, welche Konventionen gelten? Wer lässt zu, dass Mitarbeiter beziehungsweise Vorgesetzte lästern, intrigieren und mobben? Es sind die Chefs, die Kultur prägen. Egal, ob sie vorleben oder einfach nur wegschauen. Genau deshalb nennen wir sie auch die Verantwortlichen. Mobbing ist Chefsache.

Personalpolitik ist auch Chefsache

Ebenso wie Mobbing ist auch Personalpolitik in der Regel Chefsache. Es sind die Chefs, die Kultur prägen, indem sie entscheiden, wer Führungskraft wird: Beziehungskompetente Menschen mit Kritikfähigkeit und emotionaler Intelligenz, die führen können. Oder die anderen: im günstigsten Fall fachlich versierte Experten. Noch schlimmer sind allerdings karrieregeile Schleimer, die ihrem Vorgesetzten nach dem Mund reden, aber keine Ahnung von Führung haben. Das klingt hart, weil es hart ist. Für allem für jene, die unter inkompetenten Führungskräften leiden. Auch hier gilt: Mobbing ist Chefsache.

Drei Mobbing-Dimensionen

Louis Lewitan bringt das auf eine simple Formel: „Mobbing in Organisationen kann nur stattfinden, wenn Führungskräfte die Fürsorge sträflich vernachlässigen.“

Mobbing ist Chefsache - moralische Dimension

Tatsächlich finde ich keine plausible Antwort auf folgende Frage: Warum werden die für Mobbing tatsächlich Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen, wenn unter ihrer Führung Mitarbeiter gemobbt werden. Vielleicht weil Mobbing immer noch als Kavaliersdelikt vernachlässigt wird? Was für ein Unsinn. Ein Unsinn allerdings, der nicht nur viel Geld kostet, sondern auch moralisch untragbar ist.

Mobbing ist Chefsache - juristische Dimension

Moralisch betrachtet hat jeder, der Mobbing beobachtet, die Pflicht einzuschreiten. Wer in einem Unternehmen arbeitet, hat sogar das Recht, vor Diskriminierung und persönlichen Angriffen geschützt zu werden. Das ist keine Frage der Kultur, sondern geltendes Recht. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer als Arbeitgeber seiner Fürsorgepflicht nicht nachkommt, erfüllt laut Paragraf 223 Strafgesetzbuch den Tatbestand der Körperverletzung. Darauf stehen Geldstrafen und im schlimmsten Fall bis zu fünf Jahre Gefängnis. Mobbing ist Körperverletzung. Punkt. Das Zulassen von Mobbing auch. Ebenfalls Punkt.

Mobbing ist Chefsache - betriebswirtschaftliche Dimension

Viele Führungskräfte betrachten Mobbing-Opfer als schwach und nicht belastbar. Sie machen es sich zu einfach. Denn selbst wenn sie die moralische und die juristische Dimension ignorieren, bleibt ein Aspekt, den sie nicht missachten dürfen: Mobbing ist betriebswirtschaftlich gesehen eine Katastrophe. Es dauert lange, bis ein Mitarbeiter psychisch zugrunde gerichtet ist. Aber nach und nach schwinden seine Belastungsfähigkeit und seine Leistungskraft. Irgendwann meldet er sich krank und erhält Lohnfortzahlung. Kollegen müssen seine Aufgaben zusätzlich übernehmen.

Mobbing ist Chefsache und kostet Geld

Überstunden fallen an. Die verbleibenden Kollegen erreichen ebenfalls die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Schließlich braucht es Ersatz für den gemobbten Kollegen, aber der muss zunächst eingearbeitet werden. Das alles kostet: Zeit, Nerven, Energie und Geld.  Der volkswirtschaftliche Schaden durch Mobbing ist gigantisch: Die Krankheitskosten für psychische Krankheiten steigen rapide an. 2017 lagen sie bei 44,4 Milliarden Euro. Mobbing ist Chefsache und immer ein Verlustgeschäft.

Psychische Erkrankungen nehmen zu

Der Gesundheitsreport der BKK meldete; Der Anteil psychischer Erkrankungen bei Arbeitsunfähigkeit machte 2018 16,6 Prozent aus. 40 Jahre zuvor waren es noch zwei Prozent. Angesichts dieser Zahlen stellt Louis Lewitan eine wichtige Frage: Wollen Menschen im digitalen Zeitalter wirklich wachsen, sich weiterentwickeln? Er zweifelt daran. Denn gerade in Zeiten rasanten Wandels sei das Bedürfnis nach klaren Strukturen und nach der damit verbundenen Sicherheit besonders ausgeprägt.

Wandel macht Angst

Kurzum: Je schneller die Welt sich dreht, desto eher brauchen Menschen etwas, woran sie sich festhalten können. Dem stimme ich zu. Wandel macht vielen Menschen Angst. Das ist ganz natürlich. Denn keiner weiß, was mit dem Wandel auf ihn zukommt. Diese Unsicherheit ist mit Angst verbunden. Mal mit mehr, mal mit weniger. Die Bandbreite ist groß und schwankt zwischen lebendiger Aufregung und heilloser Panik.

Dennoch bin ich davon überzeugt, dass Menschen tatsächlich wachsen wollen. Ich glaube, dieses Programm ist Teil von uns, so wie es Teil der Evolution ist. Allerdings brauchen wir Menschen ein Umfeld, dass es uns erlaubt, mit und an unserer Angst vor dem ständigen Wandel zu wachsen. Dazu braucht es Führungskräfte, die dieses Umfeld zur Verfügung stellen: Führungskräfte, die

  • emotional intelligent sind.
  • mit Ärger, Trauer, Angst und Freude offen umgehen.
  • Empathie haben.
  • Zuhören.
  • klar kommunizieren.
  • Konflikte angehen und lösen.
  • Kritik annehmen.
  • sich selbst reflektieren und ihr Handeln immer wieder in Frage stellen.
  • aufrichtig, verlässlich und verbindlich sind.
  • die Mobbing unterbinden.

Im Umkehrschluss heißt das:

  • Überehrgeizige
  • Bürokraten
  • Machtmenschen
  • Narzissten

und andere emotionale Analphabeten sind keine Führungspersonen. Wer Ihnen Führungsverantwortung überträgt, leistet Mobbing Vorschub und verletzt somit seine Fürsorgepflicht. Mobbing ist Chefsache und bleibt es.

Blick in die emotionalen Karten

Bleibt die Frage, was Führungskräfte vor allem können müssen, um Mobbing zu verhindern. In erster Linie brauchen sie die Bereitschaft, sich selbst in die emotionalen Karten schauen zu lassen. Das tun Führungskräfte nicht gerne und offenbaren damit unbewusst ihre erste emotionale Karte. Menschen, die nicht über ihre Gefühle sprechen wollen, sagen oft: Das gehe niemanden etwas an. Mag sein. Viel interessanter aber finde ich, was hinter dieser Abwehrhaltung steckt. Nach meiner Erfahrung ist es oft die Sorge, die eigene Position zu schwächen, wenn ich zeige, was ich empfinde. Vielleicht dadurch, dass mein Gegenüber mein Vertrauen missbraucht.

Bewusster Umgang tut Not

Diese Sorge ist mitunter angebracht. Das Gefühl dahinter ist nichts Anderes als Angst. Chefs, die das abstreiten, haben Angst davor, als ängstlich wahrgenommen zu werden. Manche überspielen das mit autoritärem Gehabe, andere mit Arroganz. Authentisch ist beides nicht. Wer sich vom emotionalen Analphabetismus verabschieden will, tut gut daran, seinen bewussten Umgang mit der eigenen Gefühlswelt zu trainieren. Denn unbewusste und verdrängte Anggst ist eine der Hauptursachen für Mobbing: Wer sich seiner eigenen Qualitäten nicht sicher ist, nutzt Mobbing um den eigenen Stellenwert zu erhöhen.

Wer führen will, muss fühlen

Führungspersonen, die Mobbing verhindern wollen, müssen wissen, was sie fühlen. Nur so können sie bewusst und verantwortlich führen. Und nur so haben sie die Möglichkeit, wahrzunehmen, was in ihren Mitarbeitern vorgeht: im Mobbing-Opfer ebenso wie im Mobbing-Täter.

Warum Radfahren nicht hilft

Ich weiß, dass viele Führungskräfte lieber einen anderen Weg wählen: Kraftsport im Fitness-Studio oder Radfahren etwa. Beides ist gut. Es hilft nur auf Dauer nicht. Denn die eigene Emotionalität, etwa der Ärger oder die Angst, lässt sich zwar unterdrücken, aber nicht wegradeln oder wegboxen.  Spätestens wenn wir schlafen, wenn unser Wille sich zur Ruhe legt, kriegt sie uns wieder. Sie treibt uns dann eben unbewusst. Ein Vorteil ist das nicht. Und es hilft nicht gegen Mobbing.

Erkennen, was Menschen bewegt

Louis Lewitan zieht ein ernüchterndes Fazit: „Maschinen lernen konstant dazu, bei Kollegen und Vorgesetzten sind Zweifel angebracht.“ Künstliche Intelligenzen können inzwischen klar und transparent miteinander kommunizieren, Menschen nicht. Ich finde, Maschinen haben es da auch einfacher. Ihre innere Gemengelage basiert auf Daten und Fakten. Menschen sind viel komplexer, weil wir vor allem von unserer Emotionalität bewegt werden. Im Wort Emotion steckt ja nicht ohne Grund die Motion, also die Bewegung. Gefühle bewegen uns.

Steinzeit in der Smart Factory

Die zu kommunizieren fällt vielen Menschen schwer. Gerade auch viele Führungskräfte tun sich schwer damit. Der Grund ist simpel: Sie sind es nicht gewohnt, sich selbst zu reflektieren. Mobbing zu tolerieren oder gar aktiv zu betreiben, ist bequemer. Für Unternehmen ist das fatal. Denn egal, wie smart die Factory auch sein mag, bei ihren Mitarbeitern kochen die Emotionen hoch wie in der Steinzeit, schreibt Lewitan. Was es braucht, sind Führungskräfte, die Verantwortung für ihre eigene Emotionalität übernehmen. Damit ihre Mitarbeiter auch im digitalen Zeitalter gesund und leistungsfähig und ihr Unternehmen erfolgreich bleiben.

Unternehmen wollen wachsen. Menschen auch.

© Matthias Stolla 2019

Zusammenarbeit - Auf das Wie kommt es an
Erwachsen werden - die Lebensaufgabe