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Die Verantwortung bleibt uns erhalten

Post von einer Podcast-Hörerin

Vor einigen Tagen bekam ich elektronische Post von einer jungen Frau, die gerne meine Podcast-Episoden zum Thema Ganzheitlich Ausbilden hört. Mal abgesehen davon, dass ich mich grundsätzlich über Resonanz auf mein Programm freue, haben mich ihre Zeilen berührt. Sie hat sehr offen und selbstkritisch geschrieben, wie es ihr als junge Mitarbeiterin in einem großen Unternehmen geht. Ihren richtigen Namen halte ich geheim, damit ihre Vertraulichkeit gewahrt bleibt. Ich werde sie Marina nennen. Marina trieb vor allem eine Frage um: Wer trägt die Verantwortung für die Situation, in der ich bin – ich selbst oder die Umstände?

Wege aus dem Schneckenhaus

Marina ging es um die „Schneckenhaus“-Episode, also um den Umgang mit Azubis, die sich zurückziehen, sich nicht zeigen und damit quasi unter dem Radar ihrer Vorgesetzten durchfliegen.

Die Episode „Azubis im Schneckenhaus“ fand Marina sehr spannend, und sie bekannte:

Marina: „Sie sprechen mir damit ein wenig aus der Seele.“

Ich stelle in der Episode dar, was Menschen, die sich gerne zurückziehen, tun können, um wieder präsent zu sein, um wahrgenommen zu werden. Marina fand das interessant, wollte aber auch Antworten auf die Frage, „ob es neben einer möglichen Unzufriedenheit mit sich selbst noch weitere Gründe fürs Zurückziehen gibt bzw. ob die Azubis sich schon immer zurückgezogen haben oder seit wann das stattfindet“.

Jeder trägt für seinen Part Verantwortung

Damit ist die Frage angesprochen, ob die Menschen „im Außen“, beispielsweise Ausbilder, Betreuer oder Vorgesetzte nicht auch Verantwortung dafür tragen, wenn sich ihre „Schutzbefohlenen“ – Azubis, Studenten oder Mitarbeiter – zurückziehen.
Marina hat dazu eine klare Haltung:

Marina: „Ich persönlich finde es wichtig, dass Ausbilder den Azubis nicht nur gezielt Verantwortung übertragen, sondern unbedingt darauf achten, dass sie konstruktive Kritik üben und Beiträge der Azubis wertschätzen. Sobald man das Gefühl bekommt, „überhört“ zu werden oder der Vorgesetzte die Vorschläge des Azubis immer nur in der Luft zerreißt, rückt das Schneckenhaus sehr schnell in Reichweite. Das Gleiche gilt übrigens auch, wenn man sich als Azubi von Azubi-Kollegen ungerecht behandelt oder sogar ausgegrenzt fühlt. Wirklich keine leichte Aufgabe, mit dem Schneckenhaus fertig zu werden, aber für keine Seite!“

Potenzial zur Entfaltung bringen

Da kann und will ich Marina nicht widersprechen. Im Gegenteil: Gerade das Thema Feedback ist von großer Bedeutung. Eben deshalb gibt es auch darüber eine Episode. Ausbilder, Betreuer und Vorgesetzte sind verantwortlich dafür, dass sie ihre Schützlinge so behandeln, dass sie ihr Potenzial entfalten können, dass sie sich entwickeln können. Wann immer ich Ausbilder trainiere, geht es in der einen oder anderen Form genau um diesen Part.

Wie man Opfer seiner Erwartungen wird

Es gibt einen Film, in dem ich die Hauptrolle spiele: mein Leben.

Mir ist allerdings auch wichtig, dass sowohl Ausbilder als auch Auszubildende eines erkennen: Jeder ist für seinen Part verantwortlich. Ein Ausbilder, der seinen Azubi unangemessen behandelt, ihn ignoriert oder gar mobbt, handelt verantwortungslos. Er erwartet, dass der Azubi sein Verhalten ändert und macht sich damit abhängig von seinen Erwartungen an den Azubi. Im Dramadreieck wird er damit zum Opfer seiner Erwartungen. Enttäuschung ist somit programmiert. Der Ausbilder hält den Azubi für einen Versager und trägt –  bewusst oder unbewusst – dazu bei, dass diese Sichtweise immer wieder Bestätigung erfährt. Es fällt uns Menschen schwer, andere Menschen aus der Schublade zu nehmen, in die wir sie gesteckt haben. Unser Gehirn funktioniert anders: Es will die bestehende Ordnung möglichst erhalten.

Schneckenhaus ist keine Lösung

So viel zum Ausbilder. Auf der anderen Seite sieht es kaum anders aus. Wann immer ich Auszubildende trainiere, mache ich ihnen klar, dass es nur einen Menschen gibt, dessen Verhalten sie ändern können: sie selbst. Das bedeutet, es hilft ihnen rein gar nichts, wenn Sie andere dafür verantwortlich machen, dass sie sich in ihr Schneckenhaus zurückziehen.

Was hat Verantwortung mit mir zu tun?

In meiner Antwort schrieb ich Marina: Es gibt unzählige Menschen, Verhaltensweisen und Situationen, die uns dazu bringen, dass wir uns verstecken wollen. Daran habe ich keinen Zweifel, schließlich geht es mir hin und wieder genauso. Und doch bin ich überzeugt, dass nicht alle Menschen auf eine Situation x (etwa einen mobbenden Ausbilder) mit Reaktion y (etwa dem Rückzug ins Schneckenhaus) reagieren. Manche tun das, andere tun anderes; sie kämpfen dagegen an, werden übellaunig oder zickig oder irgendetwas anderes. Die Frage, die ich mir oft stelle, ist: Woher kommen diese Unterschiede? Veranlagung? Charakter? Prägung? Ganz sicher spielt all das eine Rolle.

Die entscheidende Frage

Ich habe gelernt (und manchmal lerne ich es immer noch), dass ich mir die Frage „Woher kommt das?“ in veränderter Form stellen muss, wenn ich einen Gewinn daraus haben möchte.

Sie lautet dann: Was hat das mit mir zu tun?

Die Antwort in mir selbst

Der Unterschied ist, dass ich die Antwort so nicht im Außen, also bei anderen Menschen bzw. bei den Umständen, sondern in mir selbst suche. Es gibt Menschen, die sich schnell ins Schneckenhaus zurückziehen, andere tun anderes. Ich werte das nicht. Ich trainiere mich und meine Klienten bzw. Teilnehmer darin, die Frage so zu stellen, dass sich daraus konkrete Handlungsmöglichkeiten ergeben. Und die finden wir nur in uns selbst. Wir können andere nicht verändern, aber wir können unsere Reaktionen, unsere Haltung verändern.

Sicher im Schneckenhaus

Verantwortung zu übernehmen fällt oft schwer. Deshalb ziehen sich viele Menschen lieber in ihr Versteck zurück.
Der Rückzug ins sichere Versteck macht Menschen machtlos.

Nach meiner Erfahrung haben Menschen, die sich immer wieder zurückziehen, irgendwann die Entscheidung getroffen, dass das Schneckenhaus sicherer ist. Daran ist nichts falsch. Im Gegenteil. Solange ich im Schneckenhaus bin, mich nicht zeige bzw. mitteile, werde ich von vielen gar nicht bemerkt und bin damit relativ sicher. Mein Risiko, verletzt, gemobbt oder zurückgewiesen zu werden ist geringer. Allerdings bezahle ich für diese Sicherheit einen hohen Preis. Im Schneckenhaus werde ich kaum lernen, mich mitzuteilen, etwa indem ich sage, dass mich etwas verletzt oder indem ich anderen eine Grenze setze: „Ich möchte nicht, dass Du so mit mir umgehst.“

Grenzen setzen

Gar nicht selten wird daraus ein richtiger Teufelskreis, denn Menschen, die andere gerne mobben, erkennen sehr schnell, wer Grenzen setzen kann und wer sich stattdessen lieber zurückzieht. Letztere sind die leichteren Opfer. Es macht erst einmal keinen Spaß, das für sich zu erkennen: Ich mache mich zum Opfer. Es fällt uns leichter, die anderen dafür verantwortlich zu machen. Nur daraus ergibt sich keine Möglichkeit, etwas zu ändern. Wenn ich aber Verantwortung dafür übernehme, dass ich mich gerne ins Schneckenhaus zurückziehe, kann ich eine andere Entscheidung treffen. Etwa, dass ich künftig Grenzen setzen werde.

Was das Leben will

Das Leben will vor allem eines: Entwicklung

Auf diesem Weg wird es Rückschläge geben, keine Frage. Auf dem anderen Weg, sofern der Verbleib im Schneckenhaus überhaupt ein Weg ist, bleiben sie mir erspart. Aber verändern werde ich dort nichts. Fazit: Verantwortung zu übernehmen macht nicht immer Spaß, aber sie führt uns weiter. Und daran bin ich interessiert.

Meine Antwort schien bei Marina etwas zu bewirken. Sie schrieb:

Marina: „Das hat mir viel Klarheit gebracht, und ich betrachte das Schneckenhaus jetzt auch aus einer etwas anderen Perspektive.“

Pespektivenwechsel

Sie habe „einen tollen Job mit spannenden Aufgaben gefunden – leider aber auch in einer bekanntermaßen kompetitiven Branche, in der man sich seine Daseinsberechtigung erst erkämpfen muss“. Tatsächlich habe ihr Perspektivenwechsel bereits Wirkung gezeigt. Marina schilderte einen – zunächst befremdlichen – Aha-Effekt:

Marina: „Das Thema ,Verantwortung übernehmen gegen das Schneckenhaus‘ war für mich gestern schon ein bisschen eine Erleuchtung – ganz praktisch, als mir mein Chef einen eigenen, aktiven Teil in der Kundenpräsentation heute gegeben hat. Ich habe mich darüber gefreut und mich bestens vorbereitet. Die Präsentation heute lief etwas anders als geplant, und wir mussten die Präsentation spontan stark kürzen, um im Zeitrahmen zu bleiben. Meine etwas dienstältere Kollegin, deren Teil kurzfristig gestrichen werden musste, hat sich dann kurzerhand meinen Part geschnappt und mir so wieder die Gelegenheit genommen, Verantwortung zu übernehmen und mich vom Schneckenhaus zu distanzieren. Das nur so als kleine Anekdote – das Prinzip ist mir jetzt klar!“

Feedback und Herausforderung

Das von Marina beschriebene Phänomen ist mir gut vertraut: Kaum habe ich etwas begriffen, bzw. für mich erkannt, scheint mich das Leben prüfen zu wollen, indem es mir die nächstgrößere Herausforderung beschert. Das passiert mir sehr oft. Ich glaube inzwischen, dass Wachstum und Entwicklung so etwas wie der Sinn des Lebens sind. Das Leben will, dass wir uns entwickeln. Was braucht es dafür: Feedback und Herausforderung. Daher kommt das. Und die eiserne Regel dafür lautet: Nicht aufgeben!

Überraschende Erkenntnis

Am Ende unserer Korrespondenz überraschte mich Marina mit einer Feststellung, die an Klarheit kaum zu überbieten sein dürfte:

Marina: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre, aber man kann ja zumindest das Beste draus machen, oder?“

Ja, das können wir.

Auszubildende und Ausbilder, die das begreifen, wissen, was Verantwortung bedeutet und leisten wertvolle Arbeit.
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© Matthias Stolla 2017

Warum Azubis heute depressiv werden
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