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Azubimangel – Lehrlinge gesucht

Wie Sie gute Azubis finden

Erstens gibt es immer weniger Lehrlinge und zweitens kaum noch qualifizierte – Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe müssen den Azubimangel als Chance begreifen und ihre Methoden überdenken. In diesem Artikel erfahren sie, wie sie dauerhaft gute Azubis finden. 

Wer die späten 70er und die frühen 80er Jahre erlebt hat, erinnert sich sicher an ruppige Punks mit Sicherheitsnadeln im Ohr und ohne Perspektive vor Augen: „No Future“. So betitelt Deutschlands große Wochenzeitung „Die Zeit“ ihren Artikel vom 6. Oktober 2016 über Herausforderungen im Berufsschulwesen. Wobei „Herausforderungen“ geprahlt ist; die 2700 Berufsschulen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen leiden große Not, schreibt das Blatt. Ihnen geht schlicht und ergreifend die Kundschaft aus.

Rückläufige Zahlen 

Die Zahl der Schüler in Lehrberufen ist seit Mitte der 80er Jahre rückläufig: Sie ist seither um ein Viertel gesunken. Die Folgen sind kaum zu übersehen: Im Osten Deutschlands haben demnach stattliche 250 Berufsschulen in den vergangenen zehn Jahren dichtgemacht. 

Von der Heldenschmiede zum Paria

Geeignete Azubis finden. Würth in Künzelsau durchlaufen die Azubis Trainings, die ihre emotionale Intelligenz stärken.
Bei Würth durchlaufen die Azubis Trainings, die ihre emotionale Intelligenz stärken. (Foto: Würth)

Die Gründe für den Niedergang haben viel mit dem veränderten Blick der Öffentlichkeit auf die verschiedenen Angebote im deutschen Bildungswesen zu tun. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg hatten die Berufsschulen kein Imageproblem: In ihnen wurden die Helden des Wirtschaftswunders ausgebildet: die Facharbeiter. Und nicht nur die. Gerade im Südwesten der Republik gab und gibt es nach wie vor prosperierende Familienunternehmen, deren Gründer und Inhaber weder Studium noch Abitur absolviert haben. Prominentestes Beispiel ist der „Schraubenkönig“ Reinhold Würth, dessen 60.000-Mitarbeiter-Betrieb Nummer eins im Weltmarkt für Befestigungstechnik ist.

Versteckte Weltmeister

Die Nummer zwei residiert ebenfalls im Hohenloher Kreisstädtchen Künzelsau im beschaulichen Kochertal. Ihr Gründer Albert Berner hat zusammen mit Würth die Berufsschulbank gedrückt. Im benachbarten Jagsttal hat ebm-Papst seinen Sitz, ein Elektro-Weltmarkt-Champion, dessen Gründer Gerhard Sturm mit Würth und Berner in ein und derselben Klasse gesessen ist.

Legendäre Vorbilder

Solche Karrieren – ohne Abi und Studium zum Welterfolg – gelten nicht nur in Hohenlohe, wo besagte Unternehmer heute noch leben, als Legende.  Vielleicht sogar zu sehr als Legende. Denn dass dergleichen auch heute noch möglich ist, glauben offensichtlich nur wenige Eltern und Schüler. Berufsschulen sind out, sie gelten als die Parias unter den Schulen, schreibt „Die Zeit“. Und selbst in Hohenlohe, der Region der Weltmarktführer, kämpfen große Unternehmen im gleichen Wettbewerb: gute Azubis finden. 

Je höher, desto schicker

Geeignete Azubis finden. Ganzheitlich Ausbilden mit Great Growing Up hilft dabei.
Auf Berufsinfotagen buhlen Unternehmen um geeigenete Azubis.

2016 machten 60 Prozent aller Schulabgänger das Abitur. Je höher der Bildungsabschluss, desto schicker. Dass das Abi damit langsam aber sicher inflationär wird, dass die Standards sinken, stört dabei offensichtlich niemanden. Ein guter Real- oder gar Hauptschüler zu sein, scheint heute nicht mehr genug. Das setzt eine Kettenreaktion in Gang: Den Berufsschulen fehlen die leistungsstarken Zugpferde. Viele ihrer Schüler sind desorientiert, lustlos, leistungsgehemmt. Ihnen fehlt der Aufstiegswille, sie sehen in der Tat keine Zukunft für sich und strapazieren die Nerven ihrer Lehrer.

Lehrstellenmangel

Hinzu kommt, dass es 2016 nur 500.000 Lehrstellen gab, so wenig wie seit Mitte der 70er nicht mehr. Die bekommen in der Regel die qualifizierteren unter den Bewerbern. Der abgelehnte Rest steckt in Warteschleifen und Kursen fest, weitgehend ohne Perspektive.

Resignierte Ausbildungsbetriebe

Für die Partner der Berufsschulen, die Ausbildungsbetriebe ist das fatal. Wer mit Unternehmern und Ausbildungsleitern etwa in Hohenlohe spricht, hört immer wieder die gleichen Klagen: viele junge Leute seien unzuverlässig, machten beim geringsten Unwohlsein krank, übernähmen keinerlei Verantwortung für ihr Handeln und hätten eine äußerst geringe Frustrationstoleranz. Gar nicht wenige Betriebe haben sich mittlerweile damit abgefunden, dass sie sich mit weniger qualifizierten Bewerbern begnügen müssen. Sie gehen nicht mehr davon aus, dass sie geeignete Azubis finden.

Alarmierende Entwicklung

Aber selbst mit Genügsamkeit ist das Problem nicht zu lösen. Erst kürzlich hat „Die Welt“ über die steigende Zahl der Ausbildungsabbrüche berichtet: Ein Viertel aller Lehrlinge beendet seine Ausbildung vorzeitig. Das klingt in der Tat alarmierend.

Kleinere Betriebe haben daraus bereits Konsequenzen gezogen: „Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit und Loyalität, waren in meiner Generation noch selbstverständlich! Es ist schade, dass dem anscheinend nicht mehr so ist“, schrieb ein Unternehmer dieser Tage dem Autor und stellte klar: „Das ist es ja, warum ich nie und nimmer einen Azubi einstellen würde!“ Der Schreiber ist Jahrgang 1975 und steht damit kaum im Verdacht, altersbedingt nostalgisch zu sein.

Warum Azubis abbrechen

Azubis finden ist das eine, sie zu behalten ist mitunter kaum leichter. Für Ausbildungsbetriebe aber, die auf qualifizierten Nachwuchs angewiesen sind, ist das keine Option und ein Abbruch bitter: Sie investieren viel Zeit, Geld und Energie in ihre Lehrlinge. Und sie tun viel, damit sie geeignete Azubis finden.

„Die Welt“ nannte kürzlich eine Studie, aus der die Gründe für die zunehmenden Lehrabbrüche hervorgehen: harte Arbeit, wenig Anerkennung und wenig Erklärung. Kurz: Die Ausbilder in den Unternehmen reden zu wenig mit den Lehrlingen. Und die wiederum seien durch Facebook Dauerbestätigung gewohnt und orientierten sich zudem an kurzlebigen Youtube-Stars, die vor allem eine Botschaft transportierten: Du kannst auch ohne Anstrengung reich werden. Ein Ansatz, dem Würth, Berner und Sturm sicher von Herzen widersprechen würden.

Berufschulen in der Kritik

Den Berufschullehrern hilft das nichts. Sie stehen in der Kritik, weil sie ihren „Kunden“, den Unternehmen, nicht mehr die Qualität liefern, die gefragt ist. Wer aber trägt Verantwortung für die Misere? Eltern, Schüler, Lehrer, Kultusminister? So gestellt bringt die Frage niemanden weiter, weil niemand gerne schuldig ist. Interessanter ist die Frage, wer bereit ist, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sich die Entwicklung umkehrt. Das größte Interesse daran dürften wohl Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe haben, die sich mit unqualifiziertem, unmotiviertem Nachwuchs herumschlagen müssen.

Qualitäten, die gefragt sind

Was also tun? Inzwischen dürfte allgemein bekannt sein, dass weder die allgemeine Hochschulreife noch ein abgeschlossenes Studium hinreichend Auskunft darüber geben, wie qualifiziert ein Mensch tatsächlich ist.  Das deutsche Bildungssystem ist im Wesentlichen immer noch so gestaltet, dass Noten nur zeigen, ob jemand in der Lage war, zur rechten Zeit die richtigen Antworten zu geben.  Im zunehmend globaleren Wettbewerb sind andere Qualitäten gefragt: Kreativität, flexible Kompetenz, emotionale Intelligenz, also die Fähigkeit, eigene emotionale Befindlichkeiten und die anderer wahrzunehmen, zu benennen und verantwortlich damit umzugehen. Letzteres wird in zunehmendem Maße die Richtschnur, entlang der sich erfolgreiche Verkäufer, aber eben auch Führungskräfte von ihren weniger erfolgreichen Kollegen trennen. Emotionale Intelligenz ist die Voraussetzung für das, worauf es in der Zusammenarbeit mit Menschen ankommt: Beziehungskompetenz.

Den Vorteil nutzen

Berufsschulen und Unternehmen, die erkennen, dass sie ihrer Klientel, den Lehrlingen, etwas bieten können, das die oberen Bildungsgänge nicht im Portfolio haben, erarbeiten sich einen Wettbewerbsvorteil: bodenständige und gerade deshalb praktisch anwendbare Lebensfähigkeit, die dem Leben Sinn verleiht. Sie zeichnet sich durch Kernkompetenzen aus, die leider immer noch viel zu oft als im Zweifelsfall verzichtbare Soft Skills abgetan werden:

  • Mut zum und Freude am Lernen, also frischer Anfängergeist statt träger Wissensbewahrung.
  • Verantwortlichkeit für das eigene Handeln, also Erwachsen sein statt Opfer-Dasein.
  • Emotionaler Intelligenz – Konfliktfähigkeit und Sachlichkeit statt Drama.

Leistung ist nicht alles 

In einem Punkt haben die jungen Leute Recht: Leistung allein ist heute weniger denn je ein Garant für erfolgreiche Karrieren. Es braucht soziale und vor allem emotionale Kompetenzen, die bislang viel zu oft unter genau den Tisch fallen, an dem zu viel über Margen und Taktzahlen gesprochen wird. Es gibt Berufsschullehrer und Ausbilder, die das erkannt haben. Immer mehr. Zudem gibt es Unternehmen, die mehr und mehr auf ganzheitliche Ausbildung und gerade deshalb gute Azubis finden.

Strukturen fehlen

Junge Menschen brauchen heute mehr Führung als früher, weil familiäre Strukturen nicht mehr in dem Maße vorhanden sind. Dass haben wir Erwachsenen so gestaltet, weil wir den mobilen Arbeitnehmer, die arbeitende Mutter und nicht zuletzt die fremdbetreuten Kinder wollen. Erwachsen zu werden ist heute schwerer als früher, weil es die Vorbilder, an denen sich junge Leute orientieren könnten, nicht mehr in ihrer unmittelbaren Nähe gibt. Mit der Bindung an die natürlichen Vorbilder, Väter und Mütter, haben wir gleichzeitig das abgeschafft, was wir jetzt mühsam in der Ausbildung vermitteln müssen: das Wissen darüber, was Erwachsen sein bedeutet.

Brachliegendes Potenzial nutzen

Ländliche Regionen wie das oben erwähnte Hohenlohe, das ohne zentralen Ballungsraum auskommen muss, sind auf Berufsschulen in der Nähe von Firmenstandorten angewiesen. Sonst droht ihnen langfristig das Ausbluten, weil der potenzielle Nachwuchs dorthin abwandert, wo Ausbildung und Chancen nicht in weiter Ferne liegen. In Hohenlohe, wo es demografisch bedingt immer weniger junge Menschen geben wird, gibt es Unternehmen und Berufsschulen, die erkannt haben, dass sie die Sache selbst in die Hand nehmen müssen. Im viel beklagten wenig qualifizierten Nachwuchs steckt zu viel Potenzial brach, als das sie darauf verzichten könnten. Wer sich nur über die jungen Leute beklagt, bekommt keine besseren. Wer seine Ausbildung ganzheitlich ausrichtet, tut sich selbst den größten gefallen und wird geeignete Azubis finden.

Unternehmen wollen wachsen. Menschen auch.

© Matthias Stolla, 2017

Matthias Stolla (Jahrgang 1968) war 21 Jahre lang Redakteur der Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung. Er arbeitet zudem seit vielen Jahren als ausgebildeter Trainer & Dozent.  Seine Spezialität sind Trainings für Auszubildende und Ausbilder in Unternehmen mit den Schwerpunkten emotionale Intelligenz und Beziehungsfähigkeit in der Arbeitswelt.

Beziehungskompetenz macht sympathisch