Podcast-Transkript

Erwachsen werden – die Lebensaufgabe

Ist Erwachsen werden eine Frage des Alters? Welche Merkmale bestimmen unser Erwachsensein? Gibt es ein Synonym das erklärt, was erwachsen bedeutet? Ist man mit 20 erwachsen? Oder schon mit 18? Was gehört dazu, zum Erwachsenwerden. Wie verhalten sich erwachsene Menschen - mal ganz abgesehen von mehr oder weniger weisen Sprüchen, die man im Netz dazu findet? Was bedeutet Reife? Wird ein Mensch überhaupt irgendwann reif? Was hat das alles damit zu tun, dass Jugendliche volljährig werden?

 

Diesen Beitrag lieber als Podcast hören? Bitteschön!

Erwachsen werden verändert

Über den Übergang von der Kindheit über die Pubertät und Jugend ins Erwachsenenalter ist unglaublich viel geschrieben worden. Heerscharen von Forschern und so mancher Professor haben sich mit diesem Prozess beschäftigt und tun es immer noch. Der Prozess verändert den Körper gleichermaßen wie Vorgänge im Gehirn. Erwachsensein ist weit mehr als nur das Ende der Adoleszenz. Wahrscheinlich ist der Übergang von der Jugend ins Erwachsenenalter sogar ein Prozess, der nicht nur viel verändert, sondern vor allem einer, der uns länger begleitet als vielen scheinbar Erwachsenen bewusst ist - egal ob jung oder alt.

Erwachsen sein - ein unerreichbares Ziel?

Es gibt sogar Forscher, die davon ausgehen, dass weder unsere Kindheit noch unsere Adoleszenz jemals vollständig abgeschlossen sind. Demnach nähern wir uns zwar mit jedem Lebensjahr dem Erwachsenenalter, allerdings ohne es jemals vollständig zu erreichen. Wahrscheinlich stimmt das auch, schließlich haben nicht wenige Menschen im Erwachsenenalter immer noch unverstellten Zugang zu dem, was viele das Innere Kind nennen.

Andere hingegen verhalten sich unangemessen wie aufgekratzte Jugendliche oder wirken so, als hätten sie ihre Pubertät nie abgeschlossen. Erwachsen werden erscheint mir daher wie ein nie endender Prozess - mit allen Vor- und Nachteilen.

Erwachsen - eine Definition

Die Internet-Enzyklopädie Wikipeia definiert den Begriff erwachsen so:

"Als erwachsen werden Menschen nach Abschluss der Adoleszenz bezeichnet. Biologisches Synonym ist adult und bezieht sich auf die Geschlechtsreife. Allgemein geht man davon aus, dass der Erwachsene jene notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse erworben hat, die ihn befähigen, die für sein Leben und Fortkommen notwendigen Entscheidungen selbständig und eigenverantwortlich zu treffen. Neben dem Datum der Mündigkeit, als zentrales Abgrenzungsmittel von Kindern und Erwachsenen, stellt auch die Sexualität eine wichtige Demarkationslinie zwischen diesen beiden Lebensphasen dar. Zu den bedeutsamsten Kriterien, mit denen man das Erwachsensein identifiziert, gehört die Reife."

Arbeit mit Erwachsenen

Great Growing Up trainiert die Beziehungskompetenz von Menschen.
Great Growing Up trainiert Erwachsene. Und solche, die es werden wollen.

Ich selbst arbeite ja als Trainer im weitesten Sinne im Bereich Erwachsenenbildung. Wird also Zeit, dass ich dem Thema mal einen Beitrag widme. Ich beginne bei mir selbst und meiner Arbeit. Im Rückblick wirkt der Name, den ich meinen Trainings verpasst habe ja ein wenig gewagt: Great Growing Up – Großartiges Erwachsen werden. also. Anfangs hatte ich ja ausschließlich Auszubildende als Zielgruppe im Visier. Das schien gut zu passen. Inzwischen aber trainiere ich auch langjährige Mitarbeiter und sogar noch mehr Führungskräfte. Menschen, die ihre Jugend also längst hinter sch haben. Haben die dennoch Nachholbedarf im Erwachsenwerden?

Das Titelthema der „Zeit“ vom 25. April 2019 legt den Schluss ganz grundsätzlich nahe.

Keiner wird automatisch erwachsen

„Erwachsen werden? Eine Lebensaufgabe!“ steht über der mehrseitigen Artikelsammlung. Offensichtlich gehen auch die „Zeit“-Autoren davon aus, dass kaum jemand automatisch erwachsen wird nur, weil er gerade seinen 18. Geburtstag gefeiert hat.

Mehrere Autoren widmen sich dem Thema und beleuchten es von unterschiedlichen Seiten. Interessant finde ich vor allem, wie die „Zeit“-Redaktion auf das Thema aufmerksam geworden ist: Leser hatten beim „Tag der Zeit“ danach gefragt, was es neben Bildung und Wissen noch brauche, um erwachsen zu werden.

Wie sich Erwachsenen verhalten

Das Thema treibt offensichtlich viele Menschen um. Genau diese Erfahrung mache ich, wenn ich gefragt werde, was genau ich denn beruflich mache. Manchmal antworte ich salopp: „Ich trainiere Mitarbeiter drin, sich wie erwachsene Menschen zu verhalten.“ Die Reaktion darauf ist fast immer die gleiche: „Ja, das wird immer wichtiger.“

Volljährig oder erwachsen?

Es scheint also einen Unterschied zwischen Volljährigkeit und Erwachsensein zu geben, der viele Menschen interessiert. Die „Zeit“-Redaktion widmet sich erst einmal dem Thema Bildung und Wissen und erinnert folgerichtig an die klassischen Reifeprüfungen am Ende der Schulzeit: Abitur bzw. Matura und Mittlere Reife.

Dass es dabei – zumindest früher – nicht nur um Reife durch Wissen, sondern eben auch durch charakterliche Bildung ging, verdeutlicht ein schönes Beispiel. 1956 berichtete die „Zeit“ über Mannheimer Abiturienten, die beim Feiern über die Stränge geschlagen hatten. Der Direktor des Gymnasiums wollte ihnen daraufhin ihr Reifezeugnis verweigern, wegen mangelnder sittlicher Reife.

Am Ende bekamen die jungen Mannheimer ihr Zeugnis dann doch. Wohl auch, weil die charakterliche Reife etwas ganz Anderes ist als die durch Bildung in Schulen vermittelte äußere Reife. Was mich unweigerlich zu einer spannenden Frage bringt: Wer vermittelt denn heute heranwachsenden Menschen diese innere, also die charakterliche Reife?

Angepasst oder rebellisch?

Erwachsen. Great Growing Up trainiert die Beziehungsfähigkeit von Menschen.
Ist Anpassung ein Kriterium fürs Erwachsensein? Foto: Fotolia/Free-Photos

Jens Jessen, Autor des Hauptartikels zum Thema „Erwachsen werden“ in der „Zeit“ spitzt diese Frage auf eine simple, aber dennoch interessante Differenzierung zu: Ist Anpassung an gesellschaftliche Normen ein Zeichen von erwachsen werden oder der Widerstand gegen diese Normen?

Wer also ist erwachsen - der angepasste Spießbürger oder der aufmüpfige Rebell? Die junge, schulstreikende Klima-Aktivistin Greta Thunberg aus Schweden und ihre Anhänger oder die Eltern, Lehrer und Politiker, die auf die Einhaltung der Schulpflicht pochen?

Wer darauf einfache Antworten bietet, verrät viel über seine eigene Haltung zum Thema. Ich bin überzeugt, dass weder das eine noch das andere viel mit Erwachsen sein zu tun hat. Denn egal ob angepasst oder rebellisch – beide Seiten reagieren auf etwas, das bereits vorgegeben ist: Die einen sind dafür, die anderen dagegen.

Beispiel Berufswahl

Das gleiche Phänomen zeigt sich in der Berufswahl. Der Sohn, der Landwirt wird, weil sein Vater und dessen Vater Landwirte waren, reagiert ebenso auf den Ist-Zustand wie sein Bruder, alles werden will, nur nicht Bauer.

Einer geht sozusagen nach Norden, der andere lieber nach Süden. Aber beide orientieren sich am gleichen Bezugspunkt: Papa ist Bauer. Ganz ähnlich verhält sich das mit dem Thema Emotionalität: Wenn Papa zu unkontrolliertem Jähzorn neigte, folgen ihm manche Jugendliche und verlieren ebenfalls die Kontrolle. Andere entscheiden sich komplett gegen das Gefühl Ärger und sind folglich nicht in der Lage, klare Grenzen zu setzen. Erwachsen ist nach meiner Einschätzung beides nicht.

Mögliche Antworten

Aber was ist es dann? Gleich fünf Autoren geben darauf Antworten in der „Zeit“.

Einer nimmt den Faden Bildung auf und formuliert folgende These: Je mehr wir dazu in der Lage sind, die Grenzen der Bildung zu akzeptieren, desto eher sind wir erwachsen. Will heißen: Erwachsen ist, wer damit klar kommt, dass es auf die großen und möglicherweise drängenden Fragen in dieser Welt möglicherweise die eine Antwort geben kann. Ganz im Gegensatz zu Kindern, deren Wissensdurst uns Erwachsene manchmal an unsere emotionalen Grenzen führt.

Strafmündig oder nicht?

Erwachsen. Great Growing Up trainiert die Beziehungskompetenz von Menschen.
Oder ist es doch eher der Widerstand gegen Normen? Foto: Fotolia/Rawpixel

Dann gibt es natürlich das Kriterium der Strafmündigkeit. Vor Abschluss des 13. Lebensjahres gibt es die nicht. So hat das der Gesetzgeber festgelegt. Eine wissenschaftliche Basis dafür gibt es nicht. Von 14 bis 18 unterliegen Menschen in Deutschland dem Jugendstrafrecht. Zwischen dem 18. Und 21. Lebensjahr entscheidet der Richter, ob ein Täter nach dem Jugendstrafrecht oder nach dem für Erwachsene verurteilt wird.

Umgang mit Emotionen

Eine der Antworten auf die Frage nach dem Erwachsen sein hat zugleich etwas mit dem menschlichen Gehirn und mit Emotionen zu tun. Viele Forscher, heißt es da, betrachten die Frage, wie ein Mensch Emotionen verarbeitet als konkretesten Anhaltspunkt für die neuronale Volljährigkeit. Will heißen: Die Art und Weise, wie wir mit Emotionen umgehen, entscheidet darüber ob wir erwachsen sind – rein wissenschaftlich gesehen.

In der Praxis bedeutet das Folgendes: Je mehr wir in der Lage sind, unsere emotional bedingten Impulse zu kontrollieren, desto erwachsener sind wir. Dieser Satz ging mir viele Tage lang nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwo ganz weit hinten in meinem Bewusstsein begann ein Alarmglöckchen zu klingeln. Leise zunächst, aber beständig lauter werdend. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sich irgendwo Widerspruch oder eine Erkenntnis ankündigte. Schlagartig wurde mir klar, dass ich mir das Wort „kontrollieren“ genau anschauen musste. Ganz genau. Ich begegne in meinen Trainings oft Menschen, die glauben, sie seien erwachsen, wenn sie ihre Gefühle kontrollieren. Und sie meinen eine bestimmte Form von Kontrolle: das Unterdrücken.

Was Kontrolle bedeutet

Eine junge Frau etwa sprach im Training darüber, dass sie sich oft über ihren Kollegen ärgere. Der rufe sie immer wieder an, um unliebsame Aufgaben an sie abzudrücken. Das ärgere sie maßlos, erzählte die Teilnehmerin und betonte, sie sei sehr wohl in der Lage, diesen Ärger auszudrücken. Ich frage, wie sie das mache. Ihre Antwort: „Ich beende das Gespräch und rege mich dann bei meiner Kollegin wieder ab.“

Viele Teilnehmer äußerten Zustimmung. Das sei erwachsen, hieß es. So mache man das, hieß es. Ich fragte die Teilnehmerin, ob sie die zusätzliche Arbeit von ihrem Kollegen angenommen habe. Sie bestätigte das. Ich fasste zusammen: Im Gespräch mit ihrem männlichen Kollegen hat sie ihren Ärger tatsächlich kontrolliert, indem sie ihn unterdrückt hat. Mit dem Ergebnis ihres Telefongesprächs war sie nicht zufrieden. Kein Wunder, meine ich, denn Kontrollieren bedeutet nicht zwangsläufig unterdrücken.

Wie Erwachsene ihren Ärger nutzen

Erwachsen. Great Growing Up trainiert die Beziehungskompetenz von Menschen.
Ich trainiere Menschen darin, ihren Ärger verantwortlich zu nutzen.

Ich frage die junge Frau, ob sie ihren Ärger nutzen möchte. Sie bejaht. Ich erkläre ihr, dass sie ihn dann gegenüber ihrem Kollegen zum Ausdruck bringen muss. Wir spielen die Situation durch, und die ersten drei Versuche gehen schief: Sie macht zickige Kommentare, fragt „Willst du mich veraschen?“ und beginnt zu argumentieren. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Der Kollege beantwortet ihre Fragen, wird ebenfalls zickig und findet für jedes ihrer Argumente mindestens ein Gegenargument. Das Ergebnis: Sie hat die Aufgaben ihres Kollegen an der Backe.

Ärger zu nutzen bedeutet nicht, zickig zu sein, Fragen zu stellen oder zu argumentieren. Kontrollierter Umgang mit Ärger ist im Grunde ganz simpel, erkläre ich der jungen Frau: Du sagst, was dich ärgert und setzt eine Grenze. Nach kurzem Zögern setzt sie genau das um und sagt ihrem Kollegen zwei kurze, klare Sätze: „Es ärgert mich, dass du deine Jobs auf mich abdrückst. Ich will, dass das aufhört.“ Im Trainingsraum gibt es erst große Augen, dann Beifall.

Erwachsen Klartext sprechen

Kontrollierter Umgang mit Emotionen bedeutet weder, dass wir sie unterdrücken, noch dass wir hysterisch, panisch oder verrückt agieren. Wir drücken einfach nur aus, was uns bewegt. So simpel ist das, aber zugegebenermaßen nicht immer einfach. Und es erfordert Training. Gar nicht wenige Psychologen sind der Ansicht, dass Menschen in der Regel erst ab einem Alter von 25 Jahren dazu fähig sind. Manchem mag das als früh erscheinen, andere erlangen diese Fähigkeit schon in jungen Jahren.

Nach meinem Verständnis ist ein erwachsener Mensch in der Lage, seine Gefühle verantwortlich zu nutzen. Das bedeutet Kontrolle für mich. Ich gebe mich keinem unkontrollierten Wutanfall hin. Stattdessen sage ich dem Kollegen, was mich ärgert, und nutze meinen Ärger, um Klartext zu sprechen und um ihm eine Grenze zu setzen: „Ich möchte, dass du deine Aufgaben künftig selbst erledigst und mich damit in Ruhe lässt.“

Selbst entscheiden

Manchem mag das unhöflich erscheinen. Es steht jedem frei, die Formulierung zu ändern. Keine Frage. Entscheidend ist nur, dass wir Verantwortung für uns übernehmen. Widerwillig die Aufgaben anderer zu übernehmen und mich darüber bei unbeteiligten Kollegen auskotzen ist weder verantwortlich noch erwachsen.

Stichwort Verantwortung

Apropos verantwortlich. Auf Seite 2 der Themensammlung übers Erwachsen werden bin ich ungeduldig geworden. Ich wartete sehnsüchtig auf ein Wort und konnte einfach nicht verstehen, wie jemand eine Zeitungsseite zum Thema Erwachsen werden füllen kann, ohne dieses Wort zu verwenden: Verantwortung.

Für mich gehören die Begriffe Erwachsen sein und Verantwortung zusammen wie Gitarre und Saiten. Das eine ist ohne das andere unvollständig. Solange wir nicht verantwortlich sind, sind wir nicht erwachsen. Kinder, die von Zuhause ausziehen, sind nach meinem Verständnis erst dann erwachsen, wenn sie für ihre Entscheidungen selbst geradestehen. Solange ihre Eltern das für sie übernehmen, bleiben die jungen Leute Kinder.

Konsequenzen tragen

Erwachsen. Great Growing Up trainiert die Beziehungskompetenz von Menschen.
Erwachsene dürfen tun, was sie wollen. Und sie tragen die Konsequenzen. Foto: Fotolia/Pexels

Mir ist das sehr klar geworden, nachdem ich mein Volontariat bei einer Tageszeitung beendet hatte. Von einem Tag auf den anderen durfte ich Artikel veröffentlichen, ohne sie von einem Redakteur absegnen zu lassen. Ich war selbst Redakteur und damit auch verantwortlich für meine Texte. Wenn ich Mist baute, musste ich dafür geradestehen. Das ist erwachsen.

Gegen Ende von Seite 2 taucht der Begriff Verantwortung endlich auf. Der Psychologe Werner Greve erklärt ihn so: Kinder sehnen sich danach, endlich erwachsen zu werden, weil sie die Spielräume der Großen wittern. Sie wollen die Freiheit, tun und lassen zu können, was sie wollen. Je mehr sie sich diesem Ziel nähern, desto klarer wird ihnen aber, dass alles seinen Preis hat: mehr Verantwortung und weniger Freiheit.

Von der Freiheit erwachsen zu sein

Ich sehe das ein wenig anders. Im Erwachsen sein sehe ich tatsächlich die Freiheit. Ich kann, im Rahmen geltender Gesetze und Normen, tun und lassen, was ich will. Es ist meine Entscheidung, ob ich arbeite oder nicht. Und ich bin es, der die Konsequenzen meiner Entscheidungen zu tragen hat. Wer denn sonst? Mama und Papa? Die Gesellschaft? Ich verstehe Freiheit so: Ich entscheide, und ich bin verantwortlich. Für einen Erwachsenen geht das eine nicht ohne das andere.

Beispiel aus dem Training

Ein Beispiel: In einem meiner Trainings ging es um den Umgang mit introvertierten Auszubildenden. Die Teilnehmer, allesamt Ausbilder, wollten wissen, wie sie verschlossene, junge Menschen dazu bringen, sich mitzuteilen. Also zu sagen, wenn ihnen etwas nicht passt, was ihnen gefällt, wenn es ihnen zu viel oder zu langweilig wird.

Wie macht man das? Ich kenne nur einen Weg: Verantwortung übernehmen. Das bedeutet, ich suche nach Antworten bei mir. Etwa so: Wie Trage ich dazu bei, dass mein Azubi so verschlossen ist? Daraus können sich jede Menge Antworten ergeben: Vielleicht höre ich nicht wirklich zu? Möglicherweise wirke ich abweisend oder mich meinem Azubi Angst? Vielleicht bin ich in genau diesem Punkt einfach nur ein schlechtes Vorbild, weil ich mich selbst kaum oder nie mitteile.

Wie Erwachsene sich mitteilen

Ich lud die Teilnehmer ein, genau das zu üben: von sich selbst zu sprechen. Also begannen wir alle, darüber zu reden, was uns ärgert, was uns Angst macht, was uns freut. Manche beteiligten sich mehr andere weniger. Das ist völlig in Ordnung. Nicht jeder Mensch hat das gleiche Mitteilungsbedürfnis. In der letzten Runde aber ging es um das Gefühl Trauer. Und da war für drei Teilnehmer Schluss.

Auch das ist in Ordnung. Viele Menschen sind es nicht gewohnt, anderen mitzuteilen, was sie traurig macht. Selbst wenn es um allgemeine Themen wie den Krieg oder das Elend in der Welt geht. Viele Menschen tun sich schwer damit, gerade auch vor Kollegen oder gar Vorgesetzten. Niemand muss das tun. Jeder ist frei zu entscheiden, ob und wie er sich mitteilt.

Antworten suchen

Great Growing Up trainiert die Beziehungskompetenz von Menschen.
Nicht immer ist so leicht zu erkennen, wer der Erwachsene ist. Foto: pixabay/skalekar1992

Zum Erwachsen sein gehört aber auch dazu, die Konsequenzen der eigenen Entscheidung zu tragen. Das kann so aussehen: Wenn ich als Ausbilder ein Problem damit habe, mich gegenüber Kollegen zu öffnen, vermittle ich dann meinem Azubi tatsächlich, dass es in Ordnung ist, sich offen mitzuteilen? Ich glaube, die Antwort auf diese Frage zu kennen. Für die Teilnehmer ist das aber irrelevant. Meine Erkenntnis muss nicht ihre sein. Eines aber halte ich für wichtig: dass sie sich selbst fragen, was sie ihren Azubis vorleben und dann nach einer ehrlichen Antwort suchen.

Ich weiß, dass sich das für viele Menschen, wie eine Bürde anfühlt. Nach einer Last: Immer muss ich verantwortlich sein, ständig muss ich die verdammten Antworten bei mir suchen. Mir geht es mitunter auch so. manchmal will ich einfach, dass andere verantwortlich dafür sind, dass irgendetwas in meinem Leben nicht so läuft, wie ich das will.

Niemand muss erwachsen sein

Auch das ist völlig in Ordnung. Niemand muss Verantwortung übernehmen. Jeder ist frei, das zu entscheiden. Ich meine das ernst. Mich bewusst gegen meine Verantwortlichkeit zu entscheiden, ist tatsächlich auch ein verantwortlicher Akt. Dann sind eben andere Menschen für mein Leid verantwortlich. Diese Entscheidung ist verantwortlich, weil ich eine Konsequenz tragen muss: Ich bin komplett davon abhängig, dass  andere Menschen sich oder ihr Verhalten ändern. Dann bleibt mir nur eines: Ich muss abwarten und habe keinerlei Möglichkeiten selbst etwas zu tun.

Umgang mit Freiheit lernen

Das klingt für mich nicht nach Freiheit. Ich bin davon überzeugt, dass es nur eine Freiheit gibt: jene, die sich aus der Bereitschaft ergibt, die Antworten auf meine Fragen in mir selbst zu suchen und die Konsequenzen zu tragen. Aus der Verantwortung für mich selbst. Das zu lernen, daran zu scheitern und mich immer wieder daran zu erinnern, das bedeutet für mich Erwachsen werden.

Unternehmen wollen wachsen. Menschen auch.

© Matthias Stolla 2019

Mobbing ist Chefsache - Wenn Führung total versagt
Warum das Stolla Training so erfolgreich ist