Podcast-Transkript

Teamentwicklung im Unternehmen

Kann es sein, dass der Geschäftsführer eines großen Unternehmens seine Führungskräfte davor warnt, sich nur auf schnelles Wachstum zu konzentrieren? Noch dazu in einem Unternehmen der stark wachstumsorientierten Würth Gruppe? Es kann.  Alois Wimmer ist Geschäftsführer des Schraubenwerks Gaisbach (SWG), eine der rund 400 Gesellschaften der Würth Gruppe. Er ist ein Urgestein im Konzern ist und hat zum Thema Beziehungskompetenz und Teamentwicklung im Unternehmen Einiges zu sagen. Etwa, dass es Unsinn ist, Menschen an Managementsysteme oder an Entwicklungen wie die Digitalisierung anpassen zu wollen. Andersrum wird eine Schraube - pardon - ein Schuh daraus, erklärt Wimmer und erklärt in diesem Interview sein Verständnis von Teamentwicklung im Unternehmen.

Teamentwicklung im Unternehmen mit Great Growing Up.
Alois Wimmer. Foto: Schraubenwerk Gaisbach

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Verbindungen sind von Vorteil

MS: Herr Wimmer, schön dass wir heute ein bisschen über Teamentwicklung im Unternehmen plaudern. Sie sorgen dafür, dass der Schraubenhändler Würth auch etwas zum Verkaufen hat. Was ist den das Schöne am Schraubengeschäft?

AW: Das Schraubengeschäft hat keine spezifischen Schönheiten. Das Schöne ist, dass wir mit Menschen zusammenarbeiten. Es geht nicht darum, ob ich eine Schraube mache oder ob ich eventuell Plastikdosen fertige. Wir haben den großen Vorteil, dass das, was wir machen, einen Sinn ergibt. Wir können nämlich Dinge miteinander verbinden.

Menschen verbinden

MS: Gut. Ich vermute, Sie meinen jetzt nicht nur Werkstoffe?

AW: Ja, Sie können Werkstoffe miteinander verbinden, aber bei mir ist das Wort Verbindung auch anders geprägt, weil auch Menschen

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So eine Schraube verbindet nicht nur Werkstoffe, sondern indirekt auch Menschen miteinander. Foto: Steve Johnson

miteinander verbunden werden. Zum Beispiel in den Transaktionen, die stattfinden: Wir sind die Produzenten, das Ganze geht dann zu einem Händler, dieser geht dann zu einem Endkunden, der Endkunde kann das Produkt wiederum nutzen, um Ihnen z. B. einen Carport zu bauen. Ich hoffe Sie haben schon einen mit unseren Schrauben. Wenn nicht, dann sollten wir das Gespräch in diese Richtung lenken.

Karriere im Unternehmen

MS: Ok, darüber können wir gerne abseits der Aufnahme sprechen, Herr Wimmer. Wenn ich kurz indiskret sein dürfte, wie alt sind Sie und seit wann arbeiten Sie bei Würth?

AW: Ich habe das 60. Lebensjahr vollendet und bin seit meinem 32. Lebensjahr bei Würth. Dann können Sie schnell ausrechnen, dass ich 28 Jahre bei Würth bzw. bei SWG bin.

MS: Dann ist der Begriff Urgestein keine Übertreibung?

AW: Man könnte auch sagen: bemoostes Haupt.

Menschen verändern sich nicht

Wenn von Teamentwicklung im Unternehmen die Rede ist, geht es früher oder später um die Frage, wie sich der typische Mitarbeiter in den vergangenen Jahren verändert hat. Alois Wimmer hat darauf eine klar Antwort: gar nicht, denn Teamentwicklung im Unternehmen funktioniert genau andersherum.

MS: Herr Wimmer, Sie waren so viele Jahre bei Würth bzw. bei SWG. In all der Zeit haben Sie sicher viele Menschen kommen und gehen gesehen. Was macht denn den Unterschied aus, zwischen den Mitarbeitern damals und Mitarbeitern heute? Hat sich da was verändert?

AW: Herr Stolla, Sie fragen jetzt etwas, was ich nicht nur mit einem Satz beantworten kann.

MS: Tun Sie sich keinen Zwang an.

Was sich tatsächlich geändert hat

AW: Die Problematik ist, dass es oft in einem viel zu kurzen Zeitraum gedacht wird. Der Mensch hat sich gar nicht verändert. Ich bin der Überzeugung, dass wir alle auf Emotionen ansprechen und dass wir alle gewisse Regungen haben, die in uns determiniert sind, also innewohnen. Und da hat sich überhaupt nichts verändert. Der Mensch will fair und ordentlich behandelt werden. Der Mensch will wahrhaftig wahrgenommen werden. Und von daher haben sich nicht die Menschen geändert, sondern die Managementsysteme. Und meiner Meinung nach ist das wiederum ein großer Trugschluss.

Fehler im System

MS: Der Trugschluss, Herr Wimmer, ist genau welcher?

AW: Der Trugschluss ist, dass wir fleißige, pflichtbewusste Menschen haben und wenn wir ehrlich mit denen umgehen, müssen wir nicht irgendwelche Managementsysteme permanent ändern. Sondern wir müssen eben in dieser Wahrhaftigkeit und in der Wahrheit bleiben, dass eine gewisse Leistung erbracht werden muss. Diese Leistung sollte dementsprechend aber auch honoriert werden. Jeder sollte seinen gerechten Anteil bekommen.

Teamentwicklung = Menschen wahrnehmen

Teamentwicklung im Unternehmen hat viel damit zu tun, Menschen darin zu unterstützen, authentisch, also wahrhaftig zu kommunizieren.

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Der Geschäftsführer des Schraubenwerks Gaisbach versteht sein Unternehmen als Gemeinschaft. Foto: Schraubenwerk Gaisbach

Damit beschäftigen sich viele. Nicht alle sind sich darüber im Klaren, was Authentizität tatsächlich bedeutet.

MS: Was bedeutet denn das Wort, dass Sie gerade benutzt haben, das Wort „Wahrhaftigkeit“, in diesem Zusammenhang?

AW:  Wahrhaftig den Mitarbeiter wahrnehmen, also als das, was er ist. Als Mensch in seinem ganzheitlichen Mensch-sein und in seiner Leistungserbringung. Ihn nicht nur über seinen Vertrag zu definieren, sondern darüber hinaus in seiner ganzen Persönlichkeit wahrzunehmen, mit all seinen Ängsten. Natürlich sind Ängste bei jedem Mitarbeiter da, z. B. die Existenzängste. Wenn ich solche Themen in die Menschenführung einfließen lasse, wenn ich dem Menschen in seinem vollumfänglichen Sein wahrnehme, dann bekomme ich eine Basis, auf der wir zu einer Werkgemeinschaft werden können.

Was Gemeinschaft ausmacht

SWG steht seit mehr als 50 Jahren für Schraubenwerk Gaisbach. Alois Wimmer übersetzt die Abkürzung gerne etwas anders und bringt damit sein Verständnis von Teamentwicklung im Unternehmen zum Ausdruck.

MS: Und das ist ein Begriff, den Sie gerne verwenden. Sie übersetzen ja das Firmenkürzel SWG auch gerne mal mit Schraubenwerk Gemeinschaft. Was genau bedeutet denn Gemeinschaft für Sie?

AW: Der gesamte Leistungsbogen. Wenn Sie eine Schraube produzieren, fangen Sie mit einem Drahtkolben an. Diesen Drahtkolben muss irgendjemand abladen. Jetzt sagen Sie, das macht doch der Stapler. Nein, das macht nicht der Stapler, das macht der Mann, der auf dem Stapler sitzt. Und aus diesem Drahtkolben entsteht nach mehreren Fertigungsstufen das Produkt, dass wir bei Würth verkaufen: die Assy Schraube. Es sein erwähnt, sie ist die beste Spannplattenschraube, die es gibt. Die Werbung ist ja in diesem Format zugelassen…

MS: Ich habe kein Problem damit.

Keiner ist austauschbar

AW: Diese Schraube geht durch viele Hände. Diese Hände sind miteinander verbunden. In dieser Wertschöpfungskette trägt jeder einen Teil

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Gesichtslose, austauschbare Mitarbeiter? Aus ihnen entsteht kein Team, das Erfolge schafft. Foto: Adi Goldstein

zum Gesamtwerk bei. Genauso wie der Steinmetz, der an einem Dom arbeitet: Er beschlägt nicht nur einen Stein, er baut einen Dom. Und wenn sich unsere Mitarbeiter als Werkgemeinschaft wahrgenommen fühlen, dann bauen sie an einem Gesamtwerk und nicht nur an einer Schraube, oder an einem Schraubenkopf oder an einem Gewinde. Dieser Bogen muss aufrecht erhalten bleiben. Dies verhindert die Sinnentleerung der Arbeitswelt, die in heutzutage häufig stattfindet. Sie macht den Mitarbeiter vermeintlich austauschbar. Unsere Mitarbeiter sind nicht austauschbar, weil Sie als Menschen in der Gesamtheit angestellt sind.

Mit Emotionen umgehen

Dass der Mensch ein emotionales Wesen ist, hat sich längst auch in der Businesswelt herumgesprochen. Häufig allerdings eher in Form abstrakter und theoretischer Debatten. Die simple Wahrheit dahinter ist: Der Mensch fühlt. Wenn Teamentwicklung im Unternehmen gelingen soll, muss sie das in Betracht ziehen.

MS: Den Menschen in seiner Gesamtheit annehmen, dazu gehört auch, das haben Sie gerade eben erwähnt, die Emotionalität des Mitarbeiters. Etwa seine Ängste, z. B. die Existenzangst, die Sie angesprochen haben. Zur Emotionalität gehören aber auch andere Gefühle, wie Ärger und Trauer. Was bedeutet denn das für Ihr Verständnis von Management? Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen ein Mitarbeiter seinen Ärger kundtut?

AW: Den nehme ich sehr, sehr ernst. Denn ein Mensch, der sich ärgert und seine Emotionen raus lässt, ist sehr ehrlich. Und diese Ehrlichkeit, die muss ich dankbar aufnehmen, wenn er mir mitteilt, was in seinen Augen alles nicht in Ordnung ist und wie er sich schlecht behandelt fühlt. Und daraus können wir dann dementsprechend eine Iterationsschleife ziehen und uns fragen: Wo können wir besser werden? Wo sollen wir uns anders verhalten? Aber es gibt natürlich auch den Punkt, an dem ich dem Mitarbeiter sagen muss: „ Mein lieber Freund, hier hast du dich granatenmäßig vertan, hier hast du dich in die falsche Richtung entwickelt!“ Das hat auch etwas mit Vernünftigkeit zutun. Es geht nicht um Heidschi-Bumbeidschi-Wahrhaftigkeit, sondern es geht um ehrliche Beziehungspflege und eine Wahrhaftigkeit in beide Richtungen.

Hören, was keine Freude bereitet

MS: Das schließt aber auch ein, dass Sie sich als Geschäftsführer Dinge sagen lassen, die Sie gar nicht gerne hören…

AW: Natürlich, ich bin ja ein Teil dieser Werkgemeinschaft und muss mich auch dieser Fragestellung aussetzten. Und wenn ich das tue, dann habe ich keine Normierung mehr. Ich unterliege der gleichen Normierung wie alle anderen auch und das muss ich akzeptieren. Und wenn das nicht mehr von mir gelebt wird, dann bin ich für die Tätigkeit ungeeignet.

Was Wimmer auf die Palme bringt

MS: Ok, was bringt denn den Alois Wimmer auf die Palme, was ärgert Sie?

AW: Meine eigenen Fehler.

MS: Und was ärgert Sie an Ihren Mitarbeitern?

AW: Wenn sie unehrlich sind. Wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sind die Realität zu reflektieren oder die Realität zu akzeptieren. Da gehe ich nur schwer damit um. Aber auch solche Menschen muss ich verstehen und ertragen. Ich will hier nicht über Toleranz sprechen, was im Grunde genommen, nichts anderes heißt als ertragen. Aber ich muss mich mit ihm auseinandersetzen. Ich kann nicht dran vorbei gehen, sondern ich muss mich mit dieser Situation auseinandersetzen und nach der Befindlichkeit des Mitarbeiters fragen.

Traurige Blödheit und Angst vor Extremen

MS: Was macht Sie traurig?

AW: Blödheit.

MS: (Lacht) Das sagen Sie mit einem Schmunzeln…

AW: Ja…

MS: Was macht Ihnen Angst?

AW: Alle Dinge, die von Fanatikern betrieben werden. Alles was extremistisch ist, alles was nicht einer humanistischen Einstellung entspricht.

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Teamentwicklung im Unternehmen bedeutet auch, die Unterschiedlichkeit von Mitarbeitern zu akzeptieren. Foto: Benny Jackson.

Das macht mir Bedenken. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Ich würde nicht von Angst sprechen, ich würde von Bedenken sprechen. Diese ganze fanatische Formen und die Intoleranz treiben mich gedanklich dorthin, wo ich schon sehr starke Bedenken äußere. Sehen Sie, wir haben jetzt 70 Jahre Israel. Israel ist so ein Thema, das ja sehr schräg dargestellt wird. Wie ist Israel entstanden? Was sind die Hintergründe? Wie gehen wir mit unserer Vergangenheit um? Das sind alles Themen, die auch in einer Firma stattfinden. Wir haben im Unternehmen verschiedene Kulturen, wir haben verschiedene Religionen, verschiedene Ansichten und politische Meinungen. Und das alles ist eine Gemengelage, die wir wahrnehmen müssen. Das hat nichts mit Angst zu tun, das hat etwas mit aufnehmen damit umgehen zu tun.

Potenzial entfalten

Teamentwicklung im Unternehmen ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen etwas wagen, das sie sonst nicht tun: ihren Impulsen folgen, Ideen spontan aussprechen, Kritik üben, unverstellt in Erscheinung treten. Wenn sie das tun, kommt nach und nach ihr gesamtes Potenzial zur Entfaltung.

MS: In den Leitlinien von SWG steht unter anderem: Die Mitarbeiter bestimmen Erfolg unseres Unternehmens. Wichtig ist, dass jeder einzelne seine Fähigkeiten und Neigungen im Sinne des Unternehmens einbringt und weiterentwickelt. Da klingt das Stichwort Potenzial entfalten an. Wie unterstützt SWG die Mitarbeiter darin?

AW: Vielleicht darf ich noch auf den Eingangssatz, den Sie gerade zitiert haben, eingehen. Die Mitarbeiter sind der Erfolg. Die Mitarbeiter im Unternehmen sind keine Maschinen und keine Gebäude. Arbeitnehmer sind Menschen. Und Menschen sind das Feuer des Unternehmertums. Und wenn ich in jedem einzelnen Mitarbeiter dieses Unternehmertum wecke, sodass er sich als Teil des Gesamtunternehmens betrachtet und sich in dieses Werk einbringt, dann haben wir das volle Potenzial ausgeschöpft. Jeder, der Zuhause einer Familie vorsteht, hat eine Finanzbuchhaltung, eine Reservebildung und weitere Aufgaben, alle diese Rollen werden besetzt. Aber wenn wir den Mitarbeiter in der Firma haben, dann darf er nur noch die Schrauben von links nach rechts setzen. Welch ein Unsinn! Der Mitarbeiter ist wesentlich kreativer, wenn wir ihm die Freiräume schaffen. Wobei wir immer noch sagen müssen, „Kollege, wir können über alles sprechen, aber du kannst nicht von selber neue Themen kreieren, sondern das müssen wir in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit tun.“

MS: Das muss also in den Kontext passen…

AW: Das muss in den Kontext passen, jawohl!

Schlagworte in Leitlinien

Leitbilder und Leitlinien gibt es in vielen Unternehmen. Solange sie aber nur hübsch gerahmt an der Wand hängen, passiert nicht viel. Was sich hinter diesen Worten verbirgt, sagt etwas darüber aus, wie Teamentwicklung im Unternehmen in Realität verwandelt wird.

MS: Auch in den Leitlinien von SWG finden sich sieben Schlagworte, sieben Werte. Und die würde ich mir mal mit Ihnen Punkt für Punkt durchgehen. Was verstehen Sie denn unter Respekt?

AW: Dass ich an meinem Gegenüber die Persönlichkeit wahrnehme, und nicht nur einen Arbeitsvertrag.

MS: Was bedeutet Wertschätzung?

AW: Wenn ich den Menschen gegenüber als das was er ist, ein Mitgeschöpf, sehe. Ich will hier nicht in die religiöse Schiene abgleiten, aber wir sind alle Geschöpfe. Und in dem anderen lebt die Unsterblichkeit genauso.

Mitarbeiter einbeziehen

MS: Und, was sehen Sie in Transparenz?

AW: Ehrliches Miteinander-Umgehen, keine unnötigen Geheimnisse. Es gibt natürlich Dinge, die wir nicht an die große Glocke hängen dürfen und hängen können. In dem Umfang, wie es möglich ist, den Mitarbeiter in die Transaktionen, in Geschäfte einbeziehen.

MS: Offenheit?

AW: Ehrlicher Umgang miteinander. Themen nicht hinter der Hand diskutieren und den anderen deformieren.

MS: Das heißt, Sie wollen keine Mitarbeiter, die sich verstellen.

AW: Nein, auf keinen Fall. Ich möchte ehrliche Leute, die mit hellen und wachen Augen in die Firma kommen.

Ansprechen, was stört

MS: Die dann auch den Mut haben Dinge zu sagen, die vielleicht nicht gehört werden wollen?

AW: Es ist für den Podcast ein wenig hart, aber es gibt ja Menschen, die die Fähigkeit haben etwas sehr Schlechtes permanent als Sch.. (Teigige, pastöse, übelriechende Masse) zu bezeichnen. Das hat keine Sinnhaftigkeit. Wenn etwas in den Augen desjenigen, der es betrachtet, schlecht ist, dann muss er es auch aussprechen.

MS: Und damit ist der Punkt Ehrlichkeit, glaub ich, auch schon genannt.

AW: Richtig.

Ausreden mindern Zuverlässigkeit

MS: Zuverlässigkeit?

AW: Zuverlässigkeit ist ein sehr hohes Gut. Und das geht leider immer mehr und mehr verloren. Man hat so schnell eine Ausrede, wenn irgendetwas nicht funktionierte. Dieses Jahr haben wir im Würth Konzern den Slogan von Reinhold Würth „Hundert sind Hundert“ ausgerufen. Man sollte nicht mit der Erklärung starten, warum 98 auch schon 100 sind.

MS: Fast ist eben auch nur fast.

AW: Genau das ist das Thema. Und halb vorbei ist auch vorbei. Es gibt natürlich Situationen, in denen 100 nicht erreicht werden können, aber dann muss ich mich nicht entschuldigen, sondern sauber und ordentlich darlegen warum es so ist, wie es ist. Und dann ist die Welt in Ordnung. Denn 98 sind nicht 100.

MS: Ist denn Unzuverlässigkeit etwas, das Sie ärgert?

AW: Ja.

Wie man Vertrauen erschafft

MS: Klare Antwort. Letztes Stichwort: Vertrauen. Wie ermöglichen Sie das, wie erschaffen Sie Vertrauen?

Teamentwicklung in Unternehmen. Mit Great Growing Up.
Bei der Arbeit: Training mit Führungskräften des Schraubenwerks Gaisbach. Foto: SWG

 

AW:  Vertrauen ist ein Geschenk. Bei der Eheschließung wird ja oft von Sich-Trauen gesprochen. Was grundlegend falsch ist. Es geht nicht darum sich zu trauen zu heiraten, sondern es geht darum dem anderen zu vertrauen. Weil man miteinander einen gemeinsamen Lebensabschnitt, und heutzutage leider Gottes einen viel zu kurzen, beginnt. So ist es ja auch wenn Sie in die Firma kommen. Sie müssen der Firma vertrauen, dass sie Ihnen eine Arbeitsstelle bietet. Und wir müssen dem Mitarbeiter vertrauen, dass er sich mit seinen Fähigkeiten in die Firma einbringt und nicht als Trittbrettfahrer die Leistungen erschleicht. Auf der anderen Seite darf auch das Management die Fähigkeiten des Mitarbeiters nicht missbrauchen und sich damit selber bereichern. Diese Wechselwirkung, das ist das Vertrauen, das zwischen dem Unternehmen und dem Mitarbeiter stattfinden muss.

Die Gemeinschaft im Auge behalten

Wachstum funktioniert auch ohne Teamentwicklung im Unternehmen. Aber eben  nicht langfristig.

MS: Ok. Neulich habe ich mal gehört wie Sie Ihrem Führungsteam gesagt haben: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überdrehen.“ Das fand ich bemerkenswert, nicht so sehr, weil Sie Schrauben herstellen, die sich irgendwann hinein drehen, sondern weil ich das von einem Geschäftsführer in einem leistungsorientierten Unternehmen eher selten höre. Was haben Sie denn damit gemeint: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überdrehen“?

AW: Sehen Sie, wir schwimmen momentan auf einer Welle des Erfolgs. Und dieser Erfolg hat ja bekannterweise viele Väter. Es sei zunächst dahin gestellt woher dieser Erfolg kommt. Wenn man jedoch trunken vor lauter Erfolg nicht mehr weiter sieht und den Gesamtbetrieb auf diese Erfolgsreise nicht mehr mitnimmt, dann geht das zu Lasten einiger. Zum Vorteil mancher und zu Lasten einiger. Das meinte ich damit. Wir müssen immer in der Gesamtheit denken und dürfen nicht in irgendeiner Art und Weise extremistisch werden. Dazu passt dieses schöne Sprichwort, das sogar zu einem Buchtitel wurde: Gier frisst Hirn. Wir müssen uns immer wieder selbst besinnen und darüber nachdenken. Daraus schöpfen wir nämlich die Kraft das Unternehmen weiter vorwärts zu treiben.

Warum Digitalisierung Menschen braucht

MS: Stichwort Digitalisierung. Die betrifft Würth und auch SWG. Wird es denn in Zukunft ein Schraubenwerk ohne Mitarbeiter geben?

AW: Also, ich bin der festen Überzeugung, dass die Digitalisierung ein wichtiges Thema ist, und dass wir Digitalisierung nicht verschlafen dürfen, wenn wir uns mit diesen Themen auseinandersetzen. Aber Digitalisierung heißt nicht, dass keine Menschen mehr da sein werden. Sondern das heißt, dass es Hilfsmittel geben wird, die den Menschen das Arbeiten einfacher machen werden. Und eine gewisse Produktivitätssteigerung schaffen werden. Was wir momentan aber auch wissen, ist, dass das Internet, das vor 25 Jahren entstand, für uns heute eher ein Zeitdieb ist als Unterstützer. Das Internet ist ein Produktivitäts-Vernichter und nicht ein Produktivitäts-Schaffer. Und wenn wir heute mit der Industrie 4.0 nicht vorsichtig umgehen und Mitarbeiter in diese Entwicklung nicht miteinbeziehen, dann werden wir daraus nicht die volle Produktivität schöpfen können. Genauso wenig wie die Unternehmen, in denen von Computern alles durchorganisiert ist. Sie machen keine zweistelligen Sprünge an Produktivitätszuwachs mehr. Die Einzigen, die reich geworden sind, das sind Google, HP und meinetwegen noch Microsoft…

MS: …die Datensammler…

Was uns ärmer macht

AW: …die Datensammler sind reich geworden. Wir sind eigentlich ärmer geworden, weil wir uns aufgrund der Technologie beim Sprechen nicht mehr in die Augen sehen. Was ist das für ein trauriges Leben, wenn ich meinem Mitarbeiter nicht mehr in die Augen sehen kann? Wenn ich kein persönliches Gespräch mehr suche, sondern nur noch über E-Mail kommuniziere?

Nicht der Mensch muss sich anpassen

Teamentwicklung im Unternehmen kann auch bedeuten, die Menschen an laufende Prozesse anzupassen. Das ist ein Irrweg, sagt Alois Wimmer.

MS: Ein trauriges Leben in der Tat. Was wird den vom Mitarbeiter speziell gefordert sein? Was muss der Mensch mit sich bringen, um in der Digitalisierung bestehen zu können?

AW: Sehen Sie, Herr Stolla, ich will Ihnen ja nicht widersprechen, aber die Frage „Was muss der Mensch mitbringen, damit er in der Digitalisierung bestehen kann?“ ist nicht korrekt. Ich würde die Frage andersrum stellen: Wie muss Digitalisierung geschaffen sein, damit sie den Menschen unterstützt? Wir meinen immer, wir müssen den Menschen an die Systeme anpassen. In Wirklichkeit aber müssen wir das System an die Menschen anpassen. Und dafür muss ich wissen, mit welchen Menschen ich zusammen bin. Und für diese Menschen, wenn ich sie in ihrer Ganzheit betrachte, finde ich auch einen Weg, wie ich sie in den Digitalisierungsprozess entsprechend einbinden kann. Ich kann mir die Menschen nicht backen, mit denen ich arbeiten will. Konrad Adenauer hat schon gesagt, „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht.“

MS: Herr Wimmer, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Unternehmen wollen wachsen. Menschen auch.

© Matthias Stolla 2018

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