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Emotional überfordert – Warum Azubis aufgeben

Warum immer mehr die Ausbildung abbrechen

Immer mehr Azubis brechen ihre Ausbildung vorzeitig ab. Das schreibt die Süddeutsche Zeitung im April 2018. Das Blatt bezieht sich auf einen Entwurf für den Berufsbildungsbericht, und in dem steht Bedenkliches: Erstmals seit Beginn der 90er Jahre liegt die Abbrecher-Quote bei über 25 Prozent. Dieser Artikel zeigt, welche Faktoren eine wichtige Rolle spielen, wenn Azubis ihre Ausbildung abbrechen.

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Das sollten wir uns genauer ansehen, auch wenn es schmerzt. Konkret bedeutet das: jeder vierte Azubi schmeißt vorzeitig hin. Das ist viel. Die Quote verteilt sich nicht gleichmäßig über alle Branchen. Daraus ergeben sich gute Nachrichten für manche und weniger gute für andere. Im Sicherheitsgewerbe ist es wohl schon jeder zweite Auszubildende, der sich vorzeitig verabschiedet. Bei den Verwaltungsfachangestellten sind es hingegen weniger als fünf Prozent, die ihre Ausbildung abbrechen.

In der Region Weltmarktführer

Die Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung hat sich des Themas angenommen und dabei herausgefunden: Hier, in der Region der Weltmarktführer liegt die Quote derer, die Ausbildung abbrechen, deutlich darunter. Zum Beispiel im Handwerk. Die Handwerkskammer meldet 452 vorzeitig aufgelöste Ausbildungsverträge. Das entspricht einer Quote von 9,7 Prozent. Die Kammer stellt fest, dass die meisten Verträge im Laufe des zweiten Lehrjahres beendet werden.

Das verflixte zweite Lehrjahr

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Viele Azubis tun sich vor allem im zweiten Ausbildungsjahr schwer.

Das bestätigt Erfahrungen, die für viele Ausbildungsbetriebe zum leidigen Alltag gehören. Erst vor wenigen Tagen hat mi die Ausbildungsleiterin eines großen Logistikunternehmens im bayrischen Franken folgenden Standard-Ablauf skizziert: Im ersten Lehrjahr sind es noch Kinder, im zweiten werden sie aufmüpfig oder ziehen sich zurück, und wenn sie im dritten Jahr noch bei uns sind, werden sie erwachsen.

Die Betonung lag dabei auf Wenn. Wenn sie im dritten Lehrjahr noch bei uns sind. Denn auch dort gibt es immer mehr Azubis, die Ausbildung abbrechen.

Unklare Vorstellungen

Die Industrie- und Handelskammer in der Region Heilbronn-Franken meldet eine Auflösungsquote von sieben Prozent und steht damit besser da als die Kollegen vom Handwerk. Außerdem verweist die IHK darauf, dass die Zahlen seit Jahren konstant seien. Und: Die Auflösung erfolge in der Regel vor dem Beginn einer Ausbildung, etwa weil die jungen Leute sich doch noch für ein Studium oder einen weiteren Schulbesuch entscheiden.

Dennoch fällt auch der IHK etwas auf: Die Betriebe klagen, dass viele junge Menschen unklare Vorstellungen vom Arbeitsleben und von ihrem Beruf im speziellen hätten.

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Viele Unternehmen präsentieren sich gerne bei Berufsinfotagen und Ausbiildungsmessen.

Was die Azubis wollen

Auch aus diesem Grund gibt es immer mehr Berufsinfotage und Ausbildungsmessen in Deutschland. Ausbildungsbetriebe präsentieren sich dort und werben um den – demografisch bedingt - immer rarer werdenden beruflichen Nachwuchs. Eine gute Gelegenheit, sich nicht nur selbst im besten Licht zu zeigen. Wer die jungen Besucher fragt, erfährt dort aus erster Hand, was sie sich wünschen.

Zum Beispiel die 14 Jahre alte Jana Renner aus Mulfingen. Sie hat konkrete Vorstellungen davon, wie die Mitarbeiter in ihrem künftigen Ausbildungsbetrieb mit ihr umgehen sollen:

"Freundlich und wenn ich etwas falsch mache, nicht gleich herumschimpfen, und auf einen zugehen, wenn man alleine rumsteht."

Und auch Nils, ebenfalls 14 Jahre alt und aus Ailringen an der Jagst, weiß ganz genau, was er sich von seinen Ausbildern wünscht: 

"Ich hoffe, dass ich nett empfangen werde und das sie mir halt erst einmal erklären, wie es bei denen abläuft."

Von wegen selbstbewusst

Das passt auf den ersten Blick ganz gut zu dem, was der Kommentator in der Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung zu dem Thema schreibt: Die jungen Leute hätten mehr Selbstbewusstsein als früher, weil sie wissen, dass ihren Lehrherren nicht mehr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Schließlich gibt es mehr als genug Ausbildungsbetriebe, die händeringend nach Azubis suchen. Auch solche, die gar nicht mehr auswählen, sondern nehmen, wen sie kriegen. Das macht jenen, die ihre Ausbildung abbrechen wollen, die Entscheidung leichter.

Die Argumentation ist schlüssig. Und doch ist sie in einem Punkt irreführend. Junge Leute sind sich heute eher bewusst, dass ihnen die Situation am Arbeitsmarkt mehr als nur eine Option bietet. Mit Selbstbewusstsein hat das aber nur wenig zu tun. Die Entscheidung, eine Ausbildung abzubrechen, mag selbstbewusst wirken, sie verrät allerdings nichts darüber, ob sich der Abbrecher tatsächlich bewusst ist, was ihn zu seinem Entschluss getrieben hat.

Zwei Beispiele

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Gut, wenn die Chemie zwischen Azubi und Ausbildungsbetrieb stimmt.

Ich will das an einem Beispiel erklären. Jana und Kevin sind beide Azubis in einem großen Handelsunternehmen. Im ersten Lehrjahr hatten beide viel Spaß. Sie hatten viel Freude während des Outdoor-Camps zum gegenseitigen Kennenlernen und erlebten den Beginn ihres Berufslebens als angenehm spannende Herausforderung. Zu Beginn des zweiten Lehrjahres trübte sich die wirtschaftliche Lage ein, die Anforderungen an alle Mitarbeiter erhöhten sich, der Umgangston wurde rauer.

Kevin erlebte ein paar unschöne Situationen, als er Fehler machte. Sein Ausbilder kritisierte ihn mehrfach. Das passte ihm gar nicht. Nach ein paar Wochen entschied er sich, das Unternehmen zu verlassen und brach die Ausbildung ab.

Wer hat mehr Selbstbewusstsein?

Jana ging es ganz ähnlich. Nicht alle Aufgaben, die ihr übertragen wurden, gelangen ihr. Sie steckte Kritik ein und musste sich die eine oder andere Standpauke anhören. Zweimal wurde es ihr zu viel, und sie sagte ihrem Ausbilder, dass er recht habe mit seiner Kritik, aber seine Wortwahl und der Tonfall würden sie verletzen. Jana bricht nicht ab.

Wer hat mehr Selbstbewusstsein? Für mich ist die Antwort klar. Kevin wirkt zwar selbstbewusst. Tatsächlich aber wirft er hin, weil es ihm zu unbequem wird. Das ist legitim, aber im Grunde nichts anderes als Flucht. Sobald es unbequem wird, bricht er ab. Das ist ein Verhaltensmuster, das mir in Trainings immer wieder begegnet: Menschen, die mit ihrem Leben nur einverstanden sind, wenn es ihnen drei Dinge erspart: Ärger, Trauer und Angst. Mit den sogenannten negativen Emotionen wollen viele Menschen lieber nichts zu tun haben. Und gerade deshalb wollen immer mehr junge Menschen ihre Ausbildung abbrechen.

Umgang mit Herausforderungen

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Eine Ausbildung hat durchaus auch ihre harten Zeiten und Seiten.

Ich bin überzeugt, dass genau das dahintersteckt, wenn die Sprecherin der IHK sagt, junge Menschen haben unklare Vorstellungen über das Arbeitsleben. Ich gehe noch weiter und sage: Viel haben unklare Vorstelllungen vom Leben. Es bietet nicht ständig nur Grund zur Freude, sondern hin und wieder auch Situationen, die uns emotional fordern. Wer das akzeptieren kann und sich darin trainiert, mit Ärger, Trauer und Angst erwachsen und verantwortlich umzugehen, der entwickelt Selbstbewusstsein.

Zum Beispiel Jana. Sie nimmt das kritische Feedback an und steht zudem für sich selbst ein. Warum? Weil sie bewusst wahrnimmt, dass Tonfall und Wortwahl ihres Ausbilders sie verletzen. Sie teilt das mit und nutzt die Chance, um sich weiter zu entwickeln. Und das sowohl auf der fachlichen als auch auf der menschlich-emotionalen Ebene. Das nenne ich selbstbewusst.

Umgang mit Verantwortung

Natürlich hat auch diese Medaille zwei Seiten. Branchen oder Ausbildungsbetriebe, denen immer mehr Azubis weglaufen, müssen sich die Frage stellen, wie sie zu dieser Entwicklung beitragen. Einfach nur mit dem Finger auf die jungen Leute zeigen, die ihre Ausbildung abbrechen, ist billig und hat mit Verantwortung nichts zu tun. Da liegt Manfred Stockburger, der Kommentator in der Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung richtig: Die Frage, ob die Abbrecherquote etwas mit der Bezahlung oder mit den Arbeitszeiten zu tun hat, verspricht möglicherweise interessante Antworten. Und das sicher nicht nur im Handel und in der Gastronomie.

Umgang miteinander

Und da reden wir noch nicht vom Umgang miteinander. Gerade der ist aber entscheidend, denn an ihm machen viele Jugendliche fest, ob sie in ihrem Ausbildungsbetrieb gut aufgehoben sind oder nicht.

So wie Selina Orto, 18 Jahre alt, aus Künzelsau:

"Ich würde mir gerne wünschen, dass die ganz nett zu mir sind. Und dass die auch nicht alles durchgehen lassen, sondern mir  meine Fehler und Stärken zeigen. Mir sagen, das hast du falsch gemacht, das macht lieber man so der so. Und dass da ein Team ist und Menschen, die mir helfen."

Was Ausbilder wissen müssen

Die Botschaft ist klar: Die Jugendlichen wünschen sich Ausbilder, die ihnen klar sagen, was sie falsch gemacht haben und ihnen zeigen, wie sie es besser machen können.

Dazu braucht es Ausbilder, denen drei Dinge bewusst sind:

  1. Azubis machen Fehler.
  2. Das kostet mich Zeit und manchmal auch Nerven.
  3. Und genau das ist mein Job.

Warum Azubis abbrechen

Viele Unternehmen haben das begriffen. Wer Auszubildende behandelt wie der letzte Dreck, muss sich nicht wundern, wenn sie ihm weglaufen und die Ausbildung abbrechen.

"Ich finde die Ausbilder sollten freundlich und hilfsbereit sein. Und dass sie einem auch etwas beibringen und einen  nicht bloß kehren lassen",

sagt Henning, 13 Jahre, alt aus Heimhausen an der Jagst und stellt damit klar, dass er mehr will als nur den Boden zu fegen.

Gerade junge Menschen wollen Aufgaben selbständig lösen. Sie brauchen solche Erfolgserlebnisse. Und immer wieder scheitern sie auch daran. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, wie Azubis ihren Ausbildungsbetrieb wahrnehmen: als ein Unternehmen, das ihnen mit Wertschätzung begegnet oder eben nicht.

In Watte gepackt

Es gibt Ausbildungsbetriebe, die machen an exakt dieser Stelle einen fatalen Fehler: Sie wollen um jeden Preis Wertschätzung vermitteln und tun alles, damit sie entsprechend wahrgenommen werden. Sie packen ihre Azubis und Studenten in Watte. Und das obwohl junge Menschen wie Yannick, 14 Jahre alt aus Ailringen, etwas ganz anderes wollen:

"Das die halt normal mit mir umgehen und mich nicht ärgern oder so. Aber auch, dass die nicht zu nett mir sind. Also so, dass ich besser behandelt werde als andere."

Auf der Insel der Freuden

Die immer rarer werdende Human-Ressource darf -in einer solchen Unternehmenskultur - auf keinen Fall schlecht behandelt werden, andernfalls könnten sie ihre Ausbildung abbrechen. Azubis in solchen Betrieben haben es – auf den ersten Blick – gut. Alles, was sie emotional herausfordern könnte, wird von ihnen ferngehalten: Sie leben auf einer Insel der Freude, weil ihre Ausbilder alles tun, um ihnen Ärger, Trauer und Angst zu ersparen.

Den bequemen Weg nehmen

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Wer sein Unternehmen in stürmischen Zeiten auf Kurs halten will, braucht Mitarbeiter, die standhalten können.

Das mag eine Zeit lang funktionieren, so lange die Zahlen stimmen. Spätestens in konjunkturell schwierigen Zeiten aber, wenn der Druck zunimmt und der Ton rauer wird, werden Menschen, die im Umgang mit emotionalen Herausforderungen nicht trainiert sind, einfach den bequemeren Weg nehmen und das Unternehmen verlassen.

Klimawandel

Abgesehen davon tut eine Unternehmenskultur die beispielsweise den verantwortlichen Umgang mit Ärger nicht zulässt, ihren Mitarbeitern keinen Gefallen. Denn die müssen sich verbiegen und ihren Ärger herunterschlucken. Das ist erstens nicht gesund und zweitens schlecht fürs Betriebsklima: Die Ausbilder sind dann dauerhaft genervt, weil ihre Azubis sie nicht ernst nehmen und ihnen auf der Nase herumtanzen.

Was das Leben serviert

Junge Menschen brauchen Vorbilder, die ihnen vorleben, wie Erwachsenen mit dem umgehen, was das Leben serviert. Das Menu ist abwechslungsreich: mal sorgt es für Freude, mal für Ärger, mal für Trauer, mal für Angst. Viele Menschen sprechen lieber von Glück, Wut, Nachdenklichkeit oder Respekt. Gemeint ist jeweils das gleiche. Gerade am Umgang mit den emotional herausfordernden Situationen, die Ärger, Trauer oder Angst verursachen, zeigt sich, ob ein Menschen selbstbewusst ist oder nicht.

Ohne Bauchschmerzen

Und selbstbewusste junge Menschen wünschen sich nichts anderes. So wie Selina Ort, 18 Jahre, aus Künzelsau:

"Also natürlich wünsche ich mir, dass die ganz nett zu mir sind. Aber dass sie mir auch meine Fehler zeigen und mi nicht alles durchgehen lassen, damit ich weiß, was falsch und was richtig ist. Und dass wir uns gut verstehen, dass ein Team da ist, wo man immer wieder hingehen kann ohne Bauchschmerzen, so dass man da gut aufgehoben ist."

Beziehungskompetenz ist die Basis

Und damit sind die Grundlagen für ein erfolgreiches Ausbildungsgeschehen und ein  wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen schon beschrieben. Beziehungskompetenz ist kein Nice-to-have-Seminarangebot, dass ich mir leisten kann, wenn alles gut läuft und alle Schäfchen im Trockenen sind. Beziehungskompetenz ist schlicht und ergreifend die Voraussetzung dafür, ob sich Ihr beruflicher Nachwuchs in Ihrem Unternehmen wohlfühlt, ob er bereit ist sich Herausforderungen zu stellen und sein Potenzial zu entfalten. Nutzen Sie es. 

Unternehmen wollen wachsen. Menschen auch.

Mehr dazu finden sie auf meiner Website www.greatgrowingup.com.

© Matthias Stolla 2018

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