Podcast-Transkript

Ärger schafft Klarheit – und Profit

Ärger schafft Klarheit - und Profit. Great Growing Up.
Wer seinen Ärger nutzt, kann sagen, wo es lang geht. Foto: pixabay/truthseeker08

"Für mich sind in diesem Training Entwicklungswunder durch die Nutzung unserer Emotionen geschehen", hat eine Teilnehmerin nach dem Training zu mir gesagt. Tatsächlich gehen Teilnehmer in meinen Trainings erstaunliche Entwicklungsschritte. Zum Beispiel wenn Sie beginnen, das Gefühl Ärger zuzulassen und verantwortlich zu nutzen. Dann erleben sie: Ärger schafft Klarheit - und Profit. Das dient dem Teilnehmer und dem Unternehmen. Karin Weyrich wollte im Interview wissen, wie ich das im Training erreiche.

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Karin Weyrich: Machst Du in deinen Trainings  auch so Rollenspiele?

Matthias Stolla: Ja, das mache ich natürlich. Aber in der Regel erst so nach einem halben bis einem ganzen Tag. Ich investiere schon auch ein Stück weit Zeit darin, das Vertrauen zu gewinnen. Ich brauche das Vertrauen der Menschen, mit denen ich arbeite. Und junge Leute haben genauso wenig Bock drauf, sich zu blamieren wie ältere Menschen. Das wollen die nicht. Die wollen nicht bloßgestellt werden.

Das Vertrauen gewinnen

Und sie wollen sich deshalb auch erst mal nicht zeigen. Die finden es sogar erst einmal nachgerade uncool, wenn sie vielleicht einmal traurig sind und ihnen eine Träne aus dem Auge kullert. Sie finden es noch uncooler, wenn sie einräumen und drüber sprechen, dass ihnen etwas Angst macht. Und viele finden auch Herumschreien und Wütend sein überhaupt nicht cool. Ich arbeite dran, dass ich das Vertrauen der Menschen gewinne und dass sie zueinander immer mehr Vertrauen fassen.

Schritt für Schritt zur Offenheit

Das gelingt, indem ich gezielt Schritt für Schritt kleine Übungen mit ihnen mache und viel inhaltlichen Input liefere. So, dass Sie nach einiger Zeit, spätestens aber am Beginn des zweiten Tages, in der Lage sind, offen und frei darüber zu kommunizieren, was sie freut, was sie ärgert, was ihnen Angst macht und was sie traurig macht. Und sie reden nicht nur drüber. Sie zeigen es. Und da passieren verrückte Sachen, das kann ich dir sagen.

Menschen, die ihren Ärger verdrängen

Karin Weyrich: Das ist wirklich stark. Das schaffst Du nach ein, zwei Tagen?

Matthias Stolla: Es gibt immer Leute in den Trainings, die preschen vor. Solche Teilnehmer erkennen schnell: Das ist was für mich, da krieg ich etwas, das ich nicht nur im Job gut nutzen kann. Es ist auch für Zuhause, für die Beziehung, für den Umgang mit den Eltern gut. Das ist toll. Ich brauche solche Leute im Training. Aber es gibt auch immer wieder welche, die sagen: „Nein, ich sage nicht, wenn ich ärgerlich bin. Das ist uncool. Mache ich nicht. Mich ärgert sowieso gar nichts.“ Für solche Menschen ist es wichtig zu erfahren: Ärger schafft Klarheit – und Profit.

Jobs, die keiner machen will

Ärger schafft Klarheit - und Profit. Great Growing Up.
Wer seinen Ärger verdrängt, wird leicht zum Mobbing-Opfer. Foto: pixabay/Tumisu

Oft sind das die Gleichen, die dann tatsächlich immer die Arbeiten machen müssen, auf die sonst keiner Bock hat. Es sind nicht selten die, die gemobbt werden. Es sind ganz oft die, die immer Ja sagen, obwohl sie eigentlich Nein sagen würden. Und es sind oft die, denen es unglaublich schwerfällt, Entscheidungen zu treffen.

Teilnehmer, die sich verweigern

Ich erinnere mich an eines meiner ersten Trainings. Da gab es einen Teilnehmer, der hieß so wie ich:  Matthias. Der konnte partout nicht klar Ja oder klar Nein sagen. Er hat immer alles relativiert. Und er hat sich dem Training lange verweigert. Es hat es wirklich den ganzen ersten Tag gebraucht und dem Abend, an dem wir zusammen einen Film anschauen und danach noch beieinander sitzen, ein bisschen ratschen.

Plötzlich klare Antworten

Am nächsten Morgen nach der Einführungsrunde frage: „Matthias, möchtest du etwas üben für deinen Ärger?“ Und er steht auf und sagt Ja. Vor allem die Mädels in der Runde fällt die Kinnlade runter. Weil die noch nie erlebt haben, dass ihr Azubikollege Matthias, auf eine Ja-Nein-Frage mit Ja antwortet. Klipp und klar. Und dann machte er ein paar Übungen und war fortan in der Lage zu sagen: Stopp, ich will das so nicht. Oder: Moment, das kann ich so nicht machen, ist zu viel. Und der Witz ist, dass mich Unternehmen buchen, weil sie genau das wollen. Sie sind unsicher, weil sie nicht wissen, trauen sich unsere Azubis auch mal zu sagen, wenn es zu viel ist oder schlucken die einfach alles? Und dann buchen sie mich und das finde ich großartig. Weil sie wissen: Ärger schafft Klarheit – und Profit.

Die Fähigkeit Nein sagen zu können

Karin Weyrich: Faszinierend! Diese neue Unternehmenskultur ist ja doch verbreiteter als ich vermutet habe.

Matthias Stolla: Nun ja, es gibt auch andere Unternehmen. In der Regel merke ich nach zwei Minuten im Gespräch: „Okay, die hören mir zu, aber eigentlich wollen sie weg oder sie wollen, dass ich gehe.“ Aber sie sind nicht in der Lage zu sagen, Herr Stolla, das ist nichts für uns. Witzigerweise ist genau das ein Zeichen dafür, dass das Training doch etwas für Sie wäre. Weil sie nicht in der Lage sind, klar Nein zu sagen. Aber es gibt eben Unternehmen, die haben kein großes Interesse daran.

Potenzielle Kunden und andere...

Ärger schafft Klarheit - und Profit. Great Growing Up trainiert die emotionale Intelligenz von Azubis.
Viele Ausbildungsbettriebe fördern die >Verantwortlichkeit von Azubis. Aber nicht alle. Foto: Gemü

Das hatte ich auch schon. Ich habe ein Unternehmen besucht und wurde durch die Azubi-Werkstatt geführt. Ich gehe da rein und sage, Hallo zusammen. Und alle Azubis schauen nur auf den Boden und murmeln: Hallo… Da wusste ich schon: „Okay, ich glaube das wird nicht mein Kunde.“ Weil die Kultur einfach eine andere ist. Und es tut mir leid um die jungen Leute. Aber ich kann halt nur arbeiten, wenn ich gebucht werde.

Hintergrund Jugendarbeit

Karin Weyrich: Ich kenne einige Azubis, die gar nicht zufrieden waren mit Ihren Jobs. Es ist toll zu wissen, dass Du so etwas machst.

Matthias Stolla: Ich komme ursprünglich aus der Jugendarbeit. Ich sage immer, ich bin ein alter Pfadfinder, und ich habe mit 14 oder 15 hab Jahren meine ersten Gruppen geleitet. Es war mir schon immer wichtig, etwas weiterzugeben, wirksam zu sein. Ich habe klein angefangen mit einer kleinen Pfadfindergruppe mit vielleicht acht Leuten. Und irgendwann waren es halt 70. Mit den Großen von denen bin ich nach Griechenland gezogen oder nach Norwegen. Wir haben uns das Land angeschaut und haben das alles selber organisiert. Da war kein einziger sogenannter Erwachsener dabei. Das war großartig.

Start der Trainer-Karriere

Irgendwann war ich dafür zu alt. Und dann habe ich gedacht: Was mache ich jetzt? Ich will mich noch nicht von dieser Arbeit verabschieden. Dann habe ich meine Nachfolger geschult. Jugendleiter-Schulungen habe ich gemacht. In Oberbayern. Viele Jahre grandiose Arbeit. Und danach bin ich fast übergangslos in die Trainerausbildung gerutscht.

Und bitte auch die Ausbilder...

Im Februar 2016 habe ich mich selbstständig gemacht, und arbeite seither hauptsächlich für Unternehmen. Und das Phantastische ist, dass ich wirklich angetreten bin mit Matthias Stolla, der Azubi Trainer. Ich machte das nur für Azubis, und schon mein zweiter Kunde hat mich kalt erwischt und sagt: „Ja, Herr Stolla, das gefällt uns, was Sie da vorhaben. Das finden wir prima. Aber sollten wir nicht erst einmal die Ausbilder darin schulen?“

Und dann habe ich angefangen, alle Ausbilder in diesem Unternehmen zu schulen und mache das auch weiterhin. Und auch alle Azubis. Das ist eine schöne Arbeit.

Resilienz trainieren

Karin Weyrich: Wie ist das, wenn ein Geschäftsführer zu dir kommt und sagt: Mein Laden der wirft einfach nicht genügend Gewinn ab. Mach da mal, dass der Umsatz sich verdoppelt. Ist das ein Kunde für dich?

Matthias Stolla: Ich glaube nicht, dass jemand mit diesem Ansatz zu mir kommt. Eher schon, dass jemand sagt: „Bein uns läuft es gut, aber wir wollen auch sicherstellen, dass wir gut funktionieren, wenn es mal nicht so gut läuft.“ Also Resilienz, trainieren, Umgang mit Krisen und den damit verbundenen Emotionen. Angst, Ärger, Trauer, Frust.

Arbeit mit Familienunternehmen

Oder es kommt jemand zu mir wie das bereits erwähnte Familienunternehmen. Die sagten: „Es funktioniert hinten und vorne nicht. Wir behindern uns gegenseitig als Geschäftsführung. Und die Mitarbeiter spielen uns gegeneinander aus. Da wird intrigiert und gelästert und manche erheben sich über andere.“ Und so jemand kommt zu mir. Aus der Erkenntnis: „Wenn wir so weitermachen, geht uns das Unternehmen kaputt.“

Und um das zu verhindern, holen Sie mich als Trainer ins Boot. Weil Sie wissen, wir müssen als Menschen miteinander funktionieren, sonst kriegen wir dieses Boot nicht mehr flott.

Berater-Horror

Ich glaube, es gibt andere Trainer oder Unternehmensberater, die gerufen werden, wenn es heißt „Hallo, wir würden gern unseren Umsatz verdoppeln auf Teufel komm raus. Wie machen wir das?“ Das kennt man ja, diese Horrorgeschichten. „Dann müssen wir halt Kosten einsparen und Mitarbeiter entweder triezen oder rausschmeißen.“

Das ist nicht meine Welt. An so etwas glaube ich nicht. Und dafür gebe ich mich auch nicht her. Allerdings bin ich schon auch jemand, der zum Beispiel Führungspersonal darin trainiert, sich von Mitarbeitern nicht auf der Nase herumtanzen zu lassen. Also, um es klar zu definieren: Ich bin nicht der, der Führungskräften beibringt, Mitarbeiter auszuquetschen. Aber ich bin schon der, der Führungskräften beibringt, klare Ansagen zu machen. Und konkrete Konsequenzen anzudrohen, sie dann aber auch umzusetzen, wenn gar nichts anderes hilft. Denn Ärger schafft Klarheit – und Profit.

Ärger schafft Klarheit und Profit - ganz konkret

Ich stehe für Klarheit. Ich möchte, dass ein Chef erleben darf, wenn er zu einem Mitarbeiter sagt „Ich möchte, dass du dieses so und so machst“, dass der das dann auch tut. Und er muss wissen, was er tun kann, wenn der Mitarbeiter sich nicht daran hält.

Mit solchen Situationen werde ich im Training konfrontiert: Eine Ausbilderin sagt: Ich habe da ein Problem, ich komme mit bestimmten Azubis nicht klar. Insbesondere mit Studenten. Und dann stellt sich raus: Die junge Frau hat selbst nicht studiert. Kein Problem, habe ich auch nicht.

Tanz auf der Ausbildernase

Ärger schafft Klarheit - und Profit. Great Growing Up.
Wer klare Grenzen setzen kann, tut sich leichter im Job. Foto: pixabay

Es gibt also immer wieder Studenten im Unternehmen, die das mitkriegen und es sie spüren lassen. Und ihr auf der Nase herumtanzen und sie nicht ernst nehmen. Da gibt's ja wunderbare subtile Methoden. Kleines Lächeln, Augen verdrehen, Seitenblicke. Diese Dinge kann man oft gar nicht so wirklich fassen. Aber sie wirken. Und dann fängt diese Mitarbeiterin im Training an zu weinen.

Das passiert übrigens oft. Sie fängt an zu weinen. Was toll ist, weil sie erlebt, in diesem Training ist niemand, der sie auslacht. Das passiert nicht. Und sie erfährt. Ich darf diesen Schmerz mitteilen. Und es ist ok, diesen Schmerz zu spüren. Wenn sie diese Erfahrung nicht macht, wird sie sich nie wirklich Hilfe holen, weil sie sich immer schämt. Und jetzt ist die Scham weg, weil sie merkt, niemand lacht mich aus.

Erkenntnis im Rollenspiel

Alle sind bei mir, die stehen um mich herum, sind für mich da. Sie unterstützen mich. Und dann kommt das Rollenspiel zum Einsatz. Ich lasse sie auswählen. Wer im Raum könnte denn für die zwei Studenten stehen, die dich immer so abtropfen lassen? Und dann spielen wir diese Situation. Und irgendwann sehe ich an bestimmten Körperbewegungen: Sie ist gar nicht traurig.

Melanie ballt die Fäuste

Ich nenne sie jetzt mal Melanie. Melanie ist gar nicht traurig, denn Melanie ballt immer wieder ihre Fäuste.
Ich frage sie: Melanie, was ist das für ein Gefühl in deinen Händen? Dann erschrickt sie erst einmal, weil sie überhaupt nicht weiß, welches Gefühl ihre Hände kommunizieren. Das sage ich: Such dir eins aus. Ist das Freude?

"Nein."

Ist das Angst?

"Nein."

Bist du traurig?

"Nein."

Was tun mit dem Gefühl Ärger?

Und dann kommt sie drauf, dass es Ärger ist. Also trainiere ich sie darin, was sie mit diesem Ärger tun könnte. Da hat sie erst mal keine Idee, weil sie es nie gelernt hat. Und lange Rede, kurzer Sinn: Am Ende ist in der Lage, Grenzen zu setzen. Sie steht von Ihrem Stuhl auf, schnappt sich im Rollenspiel den Sven und den Rüdiger und stellt klar: „Freunde, mag sein, dass ihr auf der Uni wart. Ich war's nicht. Aber eines kann ich euch sagen: In diesem Unternehmen sagt der Ausbilder, was Sache ist. Und der bin ich. Ihr macht, was ich sage. Und das mit den Seitenblicken ist vorbei.“

Und der ganze Raum steht da, allen fällt die Kinnlade runter und sie klatschen Melanie Beifall. Ärger schafft Klarheit – und Profit.

Entwicklung im Schnelltempo

Und  Mélanie strahlt. Sie steht anders da als vorher: aufrecht. Bei vielen beobachte ich zudem, vor allem bei jungen Frauen, dass sie nach diesem Prozess ihre Dornröschen-Stimmen ablegen. Sie rutschen ein paar Töne tiefer, schauen dich an und du weißt: „Okay, alles klar. Ich habe verstanden und mache, was du sagst.“

Ich bekomme selbst Gänsehaut, wenn ich mich daran erinnere. Und ich freue mich so für diese Menschen, die in der Lage sind, ihr eigenes Potenzial zu nutzen. Sie lassen sich nicht mehr verarschen. Ab diesem Moment sind sie in der Lage, klar Ja und Nein zu sagen und auch mal eine Ansage zu machen. Übrigens ohne auszuflippen, Tobsuchtsanfall, Hysterie oder sich lächerlich zu machen. Sondern mit Klarheit. Denn Ärger schafft Klarheit – und Profit.

Unternehmen wollen wachsen Menschen auch.

Fortsetzung folgt.

© 2021 Matthias Stolla, Great Growing Up

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