Rechthaber – immer das letzte Wort

Die Ausgangslage

Recht haben ist ein schwieriges Thema. Auf den ersten Blick stellt sich sogar die Frage: Wieso, was ist denn schlecht an Recht haben, wieso soll Recht haben ein Problem sein? Wir leben in einem Rechtsstaat, wir stehen auf Recht und Ordnung, meistens auch auf Gleichbe-Recht-igung, Recht muss außerdem Recht bleiben, und vor dem Recht sind alle gleich. Wieso sollen Rechthaber dann ein Problem sein?

Das Problem mit der Dualität

Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Die ganze Geschichte mit dem Recht haben hat viel damit zu tun, dass wir alle, ob es wollen oder nicht, in einer dualistisch orientierten Welt leben. D.h., in einer Welt, in der es immer zwei Seiten gibt, zwei Pole. So wie Schwarz und Weiß, sowie gut und schlecht, so wie Gut und Böse oder so wie Recht und Unrecht und so wie wahr und unwahr. Folglich gehen wir davon aus, dass es so etwas wie eine objektive Wahrheit gibt. Das ist auch ganz hilfreich, wenn es darum geht, entscheidend wichtige Fragen zu klären. Zum Beispiel: Darf ich in diese Straße abbiegen oder nicht? Oder: Ist es wirklich gesund, von diesem Turm in die Tiefe zu springen? Also: Wenn es um unser Leben geht, dann ist es tatsächlich entscheidend, dass wir drauf achten, was objektiv richtig und objektiv falsch ist. Dann ist es ganz gut, wenn wir darauf beharren was wir für richtig erachten.

Rechthaber verhindern Beziehung
Rechthabern geht es zuallererst um sich  selbst.

Dass das mit der objektiven Wahrheit in Wirklichkeit aber ein bisschen komplizierter ist zeigt sich daran, wie wir mit dem Begriff Recht haben umgehen, wie wir auf ihn reagieren. Recht haben sich zunächst mal gut an. Das kann jeder für sich selbst überprüfen. Ich persönlich fühle mich erst mal gut, wenn mir jemand Recht gibt, wenn ich Recht habe. Ich mag das. Auf der anderen Seite hat der Begriff Rechthaber eine ganz andere Wirkung auf mich. Wenn mich jemand als Rechthaber bezeichnet, sehe ich darin kein Kompliment. Dass Recht haben einerseits mit einem positiven Gefühl, mit einer positiven Wahrnehmung, andererseits mögen wir die Bezeichnung Rechthaber ganz und gar nicht, zumindest, wenn sie auf uns selbst angewandt wird.

Warum Hierarchie wichtig ist

Im betrieblichen Alltag gibt es eine klare Hierarchie. Zumindest sollte es sie geben. Zum Beispiel eine Hierarchie die klarstellt:  Ausbilder und Auszubildenden sind nicht auf Augenhöhe miteinander. Zumindest sollte das grundsätzlich so sein, denn der Ausbilder hat in der Regel mehr Erfahrung als der Auszubildende. Dass es nicht immer so sein muss, also dass der Ausbilder auch mal auf sein eigenes Recht haben verzichten sollte, dazu kommen wir später noch.

Das Fallbeispiel

Überall dort im betrieblichen Alltag, wo die Hierarchie keine große Rolle spielt, sieht das anders aus. Zum Beispiel, wenn Azubis unter sich sind oder wenn es um Themen geht, die nichts mit der Arbeit an sich zu tun haben. Da gibt es immer wieder Menschen, denen ist das Recht haben sehr, sehr wichtig. Nehmen wir unseren Beispiel-Azubi Jan, der immer dann herhalten muss, wenn es um Verhaltensweisen geht, die nicht viel mit Verantwortlichkeit oder Erwachsensein zu tun haben. So auch heute. Sie beobachten, wie Jan sich mit seinen Azubikollegen über das Rockfestival unterhält, das einige von ihnen am vergangenen Wochenende besucht haben. Jan erzählt von der reichlich provokativen Ansage, die der Bassist seiner Lieblingsband auf der Bühne gemacht hat. Die anderen hören zu, und dann widerspricht ein Azubi Kollege. Der sagt, es war gar nicht der Bassist, sondern der Rhythmusgitarrist.

Rechthaben ist beliebt

Im Grunde kann Ihnen das ja egal sein, denn das Thema an sich ist gelinde gesagt völlig belanglos. Die Welt wird sich weiter drehen, egal, wer die Ansage gemacht hat. Aber Sie beobachten auch, wie Jan sich in das Thema verbeißt. Er will einfach nicht lockerlassen und beharrt darauf, dass er Recht hat. Und so geht es eine ganze Weile hin und her, und Sie schauen zu, wie die beiden, Jan und sein Kollege, sich beharken. Die Diskussion lässt sich auf ein sehr einfaches Niveau herunterbrechen: auf nein, doch, nein, doch, nein, doch.

Das ist ein beliebtes Spiel, man kann es lange spielen, in der Regel kommt nichts Gutes dabei raus. Die Diskussion entwickelt schnell eine Eigendynamik: Jan lässt einfach nicht locker und beharrt darauf, dass er mit seiner Ansicht recht hat. Viel mehr wird in solchen Diskussionen auch gar nicht passieren, weil es in der Regel keine Lösung gibt für diesen Konflikt. Eines allerdings entwickelt sich doch: Jan will um jeden Preis Recht behalten. Das hat Auswirkungen. Rechthaber gelten in der Regel nicht als übermäßig sympathisch. Sie werden feststellen, dass die Azubikollegen Jan meiden werden. Rechthaber sind sogar dann unbeliebt, wenn sie objektiv Recht haben.

Rechthaben führt ins Abseits

Jan, unser leidenschaftlicher Rechthaber gerät mehr und mehr ins Abseits. Spätestens jetzt sind sie als Ausbilder gefragt. Als Ausbilder tun sie gut daran, wenn Sie jetzt von Mono auf Stereo umschalten. Mono besteht nur aus einem Kanal, meistens ist es die Sachebene, auf die wir uns gerne konzentrieren. Das haben wir so gelernt, sachlich bleiben ist Trumpf. Wenn sie auf Stereo umschalten, können Sie auch den zweiten Kanal wahrnehmen, und glauben Sie mir, um den geht's hier wirklich. Denn ich glaube, darüber sind wir uns einig, die Frage, ob es der Bassist oder der Rhythmusgitarrist war, ist nicht von weltentscheidender Bedeutung.

Die Beziehungsebene ist wichtiger. Die interessante Frage ist: Warum ist Jan das Recht haben so unglaublich wichtig? Weil es ihm um die Sache geht? Mal ehrlich: Das haben wir doch abgehandelt – Bassist oder Rhythmusgitarrist ist völlig egal. Es geht um etwas Anderes: Jan will diese Auseinandersetzung gewinnen, weil er um keinen Preis Verlierer sein will. Das ist tatsächlich so. Wenn Sie mal auf sich selber achten, werden Sie feststellen, Recht haben fühlt sich an wie gewinnen, Unrecht haben fühlt sich an wie verlieren. Verlieren will in der Regel keiner.

Die Hintergründe

Wenn sich dessen bewusst sind, wird Ihnen auch klar, warum Rechthabereien immer dann besonders brisant werden, wenn Publikum dabei ist. Keiner will vor Publikum verlieren. Das ist alleine schon schlimm genug, vor Publikum haben wir Angst, unser Gesicht zu verlieren. Und das will auch keiner.

Wovor Rechthaber Angst haben

Nächste Frage: Was steckt denn dahinter, dass Jan um jeden Preis nicht verlieren also gewinnen will. Bei der Frage wird es all jenen langsam heiß, die selbst gerne Recht haben. Mir zum Beispiel.  Die Angst vor dem Verlieren, vor dem nicht Recht haben hat mehr mit dem eigenen Selbstvertrauen zu tun, als manchem lieb sein dürfte. Menschen, die sich ihrer Qualitäten bewusst sind, haben es schlichtweg nicht nötig, aufs Rechthaben zu setzen. Das bedeutet, wer sich seiner selbst sicher ist, kann aufs Rechthaben verzichten. Wer aber darauf angewiesen ist, fehlendes Selbstvertrauen durch Erfolge im Außen zu ersetzen, braucht diese Rechthaber-Siege wie die Luft zum Atmen.

Rechthaber stören jedes gute Team.
Teamarbeit gelingt besser, wenn alle aufs Rechthaben verzichten.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Auch wenn Ihr Rechthaber Jan noch so eloquent, argumentativ gut bestückt, noch so selbstsicher und noch so stark wirkt, hat sein Drang zum Rechthaben mehr mit Schwäche zu tun, als Sie auf den ersten Blick feststellen werden. Tatsächlich hat es vor allem mit Schwäche zu tun, wenn ich nicht in der Lage bin, aufs Recht haben verzichten zu können. Das können Sie beobachten, wenn Jans selbstsichere Azubikollegen sich nicht auf lange Diskussionen einlassen. Sie sehen überhaupt keinen Sinn darin, sich mit Jan ewig lang argumentativ zu kloppen, hören einfach auf und lassen ihn stehen.

Rechthaben verhindert Beziehung

Das ist, was passiert, wenn Rechthaber über die Stränge schlagen:  Sie werden gemieden, weil jeder unbewusst oder bewusst bemerkt: Diesen Menschen geht es nicht um Beziehung, sondern nur ums eigene Rechthaben und folglich um sich selbst. Recht haben verhindert Beziehung.  Rechthaber werden einsam.

Das Fünf-Schritte-Programm

Wie helfen Sie jetzt Ihrem notorischen Rechthaber Jan? Ich empfehele Ihnen fünf Schritte, die Ihnen ganz nebenbei auch etwas über Sie selbst verraten werden.

Erkennen, wer Hilfe braucht

Schritt 1: Erkennen Sie erst einmal an, dass es Jan ist, der Hilfe braucht. Sein Rechthaben hängt mit einem Gefühl zusammen, über das viele Menschen nur ungern reden: Angst. Jan hat Angst davor, einen Rechthaber-Kampf zu verlieren, weil er dann als Versager entlarvt wird. Zumindest glaubt Jan das.

Achtsam sein

Schritt 2: Seien Sie vorsichtig ich würde niemals in der akuten Situation eingreifen, wenn Jan gerade mitten in einem Rechthaber-Kampf ist. Sie laufen Gefahr, ihn bloßzustellen, und das ist genau das, wovor Jan am meisten Angst.

Anerkennung geben

Schritt 3: Erkennen Sie die an, die aufs Rechthaben verzichten. Gerne auch vor Jan, damit der merkt, Wertschätzung und Anerkennung erfahre ich nicht, wenn ich mit aller Gewalt Recht haben will, sondern dann, wenn ich etwas Anderes mache, wenn ich aufs Recht haben verzichte und damit zeige, dass ich genügend Größe habe, um nicht darauf angewiesen zu sein.

Verzicht trainieren

Schritt 4: Reden Sie mit Jan, am besten ohne Publikum unter vier Augen. Machen Sie folgende Übung mit ihm: Sie nehmen beide unterschiedliche Standpunkte ein: Welches Auto ist besser? Welche Band rockiger? Welche Schauspielerin attraktiver? Lassen Sie sich gemeinsam mit Jan irgendetwas einfallen, und dann diskutieren Sie. Hauen Sie sich die Argumente nach Herzenslust um die Ohren und ermutigen Sie Jan, das gleiche zu tun. Nach ein paar Minuten soll Jan Ihnen einfach Recht geben. Einfach so. Gegen seinen inneren Antrieb, um jeden Preis Recht haben zu wollen. Lassen Sie ihm Zeit dafür, wahrzunehmen, was in den vorgeht, und dann bitten Sie Jan, darüber zu sprechen, wie sich das anfühlt. Danach geben Sie ihm die verdiente Anerkennung dafür.

Recht geben üben

Schritt 5: Geben Sie Jan folgende Aufgabe:  Künftig wird er einmal am Tag irgendjemandem Recht geben. Einfach so. Einfach nachgeben und nicht aufs Recht haben beharren. Jan wird diese Situationen in einem kleinen Büchlein notieren und ebenfalls aufschreiben, ob und wie sich seine Selbstwahrnehmung sowie das Verhalten seiner Azubikollegen ihm gegenüber verändern wird. Damit trainieren Sie ihn Jan eine Fähigkeit, die im heutigen beruflichen Alltag entscheidend ist: Beziehungsfähigkeit. Sie wird immer wichtiger. Der Eigenbrötler, der einfach allein vor sich hinschafft, ist nicht mehr so gefragt wie früher.

Vorleben

Wenn Sie ganz mutig sind, verzichten Sie hin und wieder selbst aufs Recht haben, gerade auch gegenüber ihren Auszubildenden. Denn die brauchen ein erwachsenes Vorbild dafür, was es bedeutet, genügend innere Größe zu haben, um aufs Recht haben verzichten zu können.

Unternehmen wollen wachsen. Menschen auch.

© Matthias Stolla 2016